Wie wir die Zimmererkunst in die Zukunft führen - Teil 3: Interview mit Sebastian Schmäh
Z-T: Was verstehen Sie unter Zimmererkunst, Herr Schmäh?
Sebastian Schmäh: Unter Zimmererkunst verstehe ich, die historische Holzbaukunst für die Nachwelt zu erhalten.
Z-T: An welches Bauvorhaben oder Projekt denken Sie, wenn Sie das Wort »Zimmererkunst« oder den Satz »Hoch die Zimmererkunst« hören?
Sebastian Schmäh: Dabei fällt mit der Glockenturm der Kirche in Leutkirch bei Salem ein. Das war eine Reaktivierung von der mittelalterlichen Glockenstuhlkonstruktion, bei der wir modernsten Ingenieurholzbau mit traditioneller Holzbaukunst vereint haben. Und was ich besonders wertvoll fand, war, dass wir der alten Konstruktion wieder ihre ursprüngliche Aufgabe geben konnten.
Z-T: Sie sind erster Vorsitzender des Verbands der Restauratoren. Für was steht der Verband und was sind seine Ziele?
Sebastian Schmäh: In erster Linie geht es um die Vernetzung von Firmen, die in der Restaurierung und in der Denkmalpflege arbeiten. Für mich geht es vor allen Dingen um das Weiterentwickeln und Bündeln der Stimmung dieser Handwerker. Unsere Aufgabe ist, die Leute in Vernetzung zu halten, sie weiterzubilden und auch den Nachwuchs zu fördern. Hier können gerade die Jungen auch viel von den Alten lernen, ob bei Veranstaltungen oder durch die Vernetzung allgemein. Es geht aber auch darum, diesem Bereich des Handwerks mehr Sichtbarkeit zu geben.
Z-T: Wie viele Mitglieder hat der Verband, wer kann Mitglied werden, und welche Vorteile haben die Mitglieder?
Sebastian Schmäh: Der Verband hat circa 180 Mitgliedsbetriebe. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft sind die Ausbildungsstände »Fachmeister für Restaurierung« oder »Master Professional für Restaurierung im Zimmererhandwerk«. Die Vorteile unserer Mitglieder sind, politische Entwicklungen aus erster Hand zu erfahren, Weiterbildungsmöglichkeiten und wissenstechnisch auf dem neuesten Stand zu bleiben, was die Entwicklungen in der Restaurierung und der Denkmalpflege betrifft. Gerade auf unseren jährlichen Tagungen können alle von den Erfahrungen der anderen Mitglieder zehren. Neben der Geselligkeit ein echter Gewinn für alle.
Z-T: Wie können wir die traditionelle Zimmererkunst trotz Automatisierung und maschinellem Abbund erhalten bzw. in die Zukunft führen?
Sebastian Schmäh: Die traditionelle Zimmererkunst spielt ja in erster Linie eine Rolle beim Erhalt des Bestandes. Dieser Erhalt funktioniert nur mit traditionellem Abbund. Es geht nicht darum, in jedem Neubauprojekt Handabbund zu machen. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es geht darum, dass es beim dringend notwendigen Bestandserhalt den Handabbund braucht. Und was ich auch ganz wichtig finde, ist, dass ich so eine Reparatur dann auch für die nächsten 100 Jahre mache und nicht für fünf Jahre Gewährleistungszeit.
Z-T: Wie kann sich traditioneller Handabbund noch lohnen im Vergleich zum Lohnabbund?
Sebastian Schmäh: Ich dreh die Rechnung erstmal um: Wenn ich eine Abbundanlage habe, muss ich viele Meter Holz über die Anlage ziehen, um die Investition wieder rauszubekommen. In der Restaurierung komme ich aber gar nicht auf so viel Holz. Was in einem Betrieb, der sich auf Restaurierung und Denkmalpflege spezialisiert hat, aber zählt, ist die Qualität, nicht die Quantität. In der Sanierung werden ganz andere Kosten aufgerufen und bezahlt. Für den Einbau eines historischen Balkens mit entsprechender Handarbeit und entsprechend hohem Aufwand bekommen wir das Zehn- bis Zwanzigfache gegenüber dem Industrieabbund. Außerdem haben die Sanierungsprojekte eine ganz andere Laufzeit. Ich bin an einem Projekt mehrere Monate – teilweise eineinhalb Jahre – beschäftigt, habe dann aber auch nur diesen einen Kunden zu bedienen und eine ganz andere Sicherheit im Betrieb.
Z-T: Wo sehen Sie das Potenzial der Restaurierung in der Zukunft?
Sebastian Schmäh: Vor allen Dingen in der Nachhaltigkeit durch Bestandssanierung. Natürlich wird auch das serielle Sanieren eine Rolle spielen, aber in gewissen Konstruktionen kommt man ohne diese handwerklichen Tätigkeiten nicht klar. Die Sanierung und Restaurierung der Bestandsgebäude ist das Thema für die Zukunft und bietet auch für neue Unternehmen gute Chancen.
Über Holzbau Schmäh hat Zimmerer-Treffpunkt bereits berichtet. Hier findest du die Artikel:
Teil 1: Wie wir die Zimmererkunst in die Zukunft führen - Tradition und Erfolg
Teil 2: Wie wir die Zimmererkunst in die Zukunft führen - Tradition trifft Moderne
Bilder:
Bild 01: Der Kirchturm in Sipplingen bei Überlingen, Sanierungspreis Kategorie Dach 2019.
Bild 02: Sebastian Schmäh, Geschäftsführer des Zimmereibetriebs Holzbau Schmäh am Bodensee.
Bild 03: Derzeit werden 20 junge Menschen ausgebildet. Für den Fachkräfte-Nachwuchs wurde der eigene Azubi-Campus eingerichtet. Das Bild zeigt die Azubis mit ihren Ausbildungsmeistern.
Bild 04: Dachstuhl des ehemaligen Torkel in Salem-Mittelstenweiler von 1786. Für dieses Projekt bekam die Zimmerei den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2014 und den 2. Bundespreis für das Handwerk in der Denkmalpflege 2019.
Bild 05+06: Fast das ganze Jahr über sind die Zimmerleute an der Meersburg beschäftigt.
Bild 07: Rebmannshaus in Sipplingen von 1662: Gesamtsanierung zur Rettung eines Kulturdenkmals. | Bilder: Holzbau Schmäh,Martin Maier













