Fachthemen
Zimmerer-Treffpunkt
21.10.2024

Wie wir die Zimmererkunst in die Zukunft führen - Teil 1: Tradition und Erfolg

Der Zimmereibetrieb Holzbau Schmäh am Bodensee gibt meisterhaft das Wissen über alte Handwerkskunst an die nächste Generation weiter. Spezialisiert auf die Restaurierung historischer Bestandsbauten ist man sehr erfolgreich und wächst. Wie das gelingt, haben wir von Geschäftsführer Sebastian Schmäh erfahren.
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»Wir setzen auf Menschen und ihre Fähigkeiten, nicht auf Schnelligkeit durch moderne Maschinen«, sagt Sebastian Schmäh, Inhaber des Familienunternehmens Holzbau Schmäh. Der Betrieb feierte im vergangenen Jahr sein 150. Jubiläum und wird von dem 48-jährigen Zimmerermeister bereits in der sechsten Generation geführt. Schmähs Ur-Ur-Ur-Großvater Max Schmäh gründete das Unternehmen 1872. Der Betrieb besteht heute aus 50 Mitarbeitenden, von denen 18 dort aktuell ihre Ausbildung machen sowie zwei FSJler in der Denkmalpflege. Als Sebastian Schmäh die Firma 2003 übernahm, waren es zwei Mitarbeiter insgesamt. »Es war gar nicht mein persönlicher Masterplan, den Betrieb so groß werden zu lassen«, so Schmäh. »Mir ging es darum, das Handwerk aus seiner damals leicht verstaubten Ecke zu holen, modern zu machen und dennoch das traditionelle Handwerk zu bewahren, auch für weitere Generationen.« 

Schwerpunkt Sanierung und Restaurierung
Es ging also darum, den Bogen zu spannen zwischen traditioneller Zimmererarbeit und moderner Holzbaukunst. Bei nur knapp einem Drittel der Aufträge der Holzbaufirma handelt es sich um Neubauprojekte. Das Gros sind Sanierungs- und Restaurierungsaufgaben. Viele davon in Meersburg und Umgebung. Die mittelalterliche Kleinstadt am Bodensee ist bekannt für ihre namensgebende Burg. Sebastian Schmäh und sein Betrieb sind stark mit ihr und der Region verwurzelt. »Seit drei Generationen sind wir mit Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an der Burg beauftragt«, erzählt Sebastian Schmäh. »Wir haben als einzige Handwerksfirma einen eigenen Schlüssel.«  

Moderne Unternehmenswerte
Mit einem modernen Holzbaubetrieb ist nicht eine hochmoderne Ausstattung mit Abbundanlage und Fertigungsstraße gemeint. Vielmehr geht es darum, mit alten Denkmustern, die offensichtlich nach wie vor in vielen Betrieben vorherrschen, zu brechen. »Ich wollte weg von einem hierarchischen Umgang hin zu einer Kommunikation auf Augenhöhe mit all meinen Angestellten. Zudem bilden wir schon lange Frauen aus – derzeit sind es acht Handwerkerinnen – und wünschen uns diese auch in Führungspositionen. Das ist leider nach wie vor nicht selbstverständlich in unserer Branche. Gleichzeitig versuche ich, den jungen Auszubildenden und Gesellen beizubringen, wie wichtig und wertvoll das Wissen und die Erfahrungen der Altgesellen und Meister sind«, betont er. 

Kluft, Cordhosen und Know-how
Vieles im Betrieb dreht sich also immer wieder um Tradition. Dafür steht auch das Tragen der Zimmererkluft oder das Arbeiten mit Klopfholz und Stemmeisen. Die handwerklich-technischen Traditionen stecken natürlich vor allen Dingen in den vielzähligen Sanierungsprojekten, die die Firma bereits durchgeführt hat. Neben den Arbeiten an der Burg ist dies beispielsweise die Sanierung des fast 60 m hohen Kirchturms in Sipplingen bei Überlingen oder eines ehemaligen Torkels in Mittelstenweiler. Das Dachtragwerk der ehemaligen Weinpresse war seinerzeit von den besten zur Verfügung stehenden Handwerkern gebaut worden. Jetzt konnte das Tragwerk mit traditionellen Handwerkstechniken wie beispielsweise durch Holz-Holz-Verbindungen von Holzbau Schmäh restauriert werden.  

Ehemaliger Torkel Mittelstenweiler
Auch in dem Neubau, der in direkter Nachbarschaft errichtet wurde, konnten viele dieser Techniken eingesetzt werden. »Es ist mir grundsätzlich wichtig, dass wir bei jedem Projekt ganz genau hinsehen, wo welche Technik sinnvoll eingesetzt werden kann«, so Zimmerermeister Schmäh. »Wo arbeite ich traditionell im Sinne des vorgefundenen Gebäudes und wo nutze ich moderne Hilfsmittel?« Denn diese gibt es bei Holzbau Schmäh selbstverständlich auch.  

Hier geht's zu Teil 2.

Bild 01: Dachstuhl des ehemaligen Torkel in Salem-Mittelstenweiler von 1786. Für dieses Projekt bekam die Zimmerei den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2014 und den 2. Bundespreis für das Handwerk in der Denkmalpflege 2019.
Bild 02: Das Unternehmen hat eine lange Tradition, die mindestens bis ins Jahr 1872 zurückreicht. Das Bild zeigt eine Baustelle am Meersburger Ufer.
Bild 03: Sebastian Schmäh mit Tochter Katharina und seiner Frau Irmgard Möhrle-Schmäh, Geschäftsführerin von Schmäh Immobilien.
Bild 04+05: Fast das ganze Jahr über sind die Zimmerleute an der Meersburg beschäftigt. 
Bild 06: Rebmannshaus in Sipplingen von 1662: Gesamtsanierung zur Rettung eines Kulturdenkmals. 
Bild 07+08: Der Kirchturm in Sipplingen bei Überlingen, Sanierungspreis Kategorie Dach 2019.
Bilder Holzbau Schmäh, Martin Maier

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1 Kommentar
Holzi
29.10.2024
Finde ich persönlich sehr gut. Im Handwerk muss endlich mal ein Umdenken stattfinden, sonst stirbt das Handwerk aus. Wir brauchen unbedingt Nachwuchs und das funktioniert nur, wenn das Handwerk mit der Zeit geht. Ich sehe es aktuell bei dem kleinen und relativ neuen Betrieb, in diesem ich seit Ende Mai arbeite. Dort funktioniert es. Kommunikation auf Augenhöhe, flache Hierarchien, Respektvoller Umgang. Der raue Umgangston ist in unsrem Betrieb fast nicht existent. Ich wünsche mir, dass noch mehr Handwerksbetriebe das auch bei sich umsetzen und bei denen ein Umdenken stattfindet. Denn wir sind auf Nachwuchs angewiesen. 
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