Wie wir die Zimmererkunst in die Zukunft führen - Teil 2: Tradition trifft Moderne
Holzbau Schmäh am Bodensee ist ein traditionsreicher Zimmereibetrieb, der seit 150 Jahren besteht. Inhaber Sebastian Schmäh, Zimmerermeister in der sechsten Generation, legt großen Wert auf handwerkliche Fähigkeiten statt auf Maschinen. Der Betrieb hat sich auf die Restaurierung historischer Gebäude spezialisiert und bildet aktiv neue Fachkräfte aus. Schmäh will das Handwerk modernisieren und gleichzeitig die Tradition bewahren.
Handabbund, wo es geht und Sinn macht
Wenn es in der Zimmerei ein größeres Neubauprojekt gibt, wird der Abbund vom Abbundzentrum zugekauft. Hier versperrt man sich nicht der Realität, da das einfach effizienter ist. Trotzdem wird, wo es Sinn macht, immer zuerst mit Hand abgebunden. Gerade wurde die neue Halle des Unternehmens fertiggestellt. Was sofort auffällt ist, dass diese nicht mit großen Maschinen bestückt ist, sondern viel Raum und Fläche für flexibles (Hand)Arbeiten bietet.
Miteinander und Wohlbefinden sind wichtig
Überhaupt sind dem Geschäftsführer das Miteinander und das Wohlbefinden seiner Angestellten wichtig. »Unter welchen Bedingungen wird gearbeitet?« war beispielsweise eine zentrale Frage beim Bau der neuen Halle, durch deren große Fenster immer der Blick nach draußen möglich sein sollte. »Ich glaube, dass zu viel Vorfertigung die Mitarbeitenden langfristig vertreibt. Wir dürfen hier an tollen, oft denkmalgeschützten Projekten arbeiten. Das ist ein großes Geschenk, das alle motiviert.«
Zimmererkunst in der Praxis
Wie muss man sich die Arbeit an historischen Bauprojekten vorstellen? Welches Werkzeug und welche Baumaterialien werden gebraucht und auf welche Verbindungen stößt man in der Regel? Ganz typisch sind in historischen Holzgebäuden Schlitz- und Zapfen-Verbindungen, oder Überblattungen, die mit Holznägeln gesichert werden. Aber auch Versätze, insbesondere in Kombination mit Schlitz und Zapfen, gehören dazu. Gearbeitet wird mit Klopfholz, Stemmeisen, Stoßaxt und Beil. Aber auch Fräsen oder andere moderne Werkzeuge (z. B. Vakuumheber) werden eingesetzt, um die Arbeit zu erleichtern, sofern sie nicht die historischen Oberflächen verfälschen.
Die Baumaterialien gleichen sehr stark denen der ökologischen Bauweise. Neben Nadelholz (85 Prozent) und Eichenholz sind dies beispielsweise Holzfaserdämmung, Zellulose oder Lehm. Entscheidend ist, dass das Baumaterial sich mit der historischen Konstruktion verträgt. Eine besondere Herausforderung der Projekte liegt darin, dass nun eine Konstruktion ausgebessert werden muss, die bereits eingebaut ist. Das erfordert Erfahrung, Geduld, eine gute Voruntersuchung und Genauigkeit! Letztere ist auch bei der Kalkulation gefordert, denn heute wird nur noch selten im Stundenaufwand abgerechnet, sondern nach Stückzahl der zu bearbeitenden Verbindungen.
Betrieb ohne Nachwuchssorgen
Schmäh weiß, wie wichtig der Nachwuchs für die Branche ist. Menschen gut auf den Weg zu bringen, sie weiterzuentwickeln und an sie seine Handwerks-Philosophie weiterzugeben ist das, was ihn antreibt. Gerade wurde der Azubi-Campus auf dem Betriebsgelände fertiggestellt. Zudem kann bei Holzbau Schmäh gewerkeübergreifend gelernt werden, da hier auch eine eigene Schreinerei sowie ein angestellter Malermeister und Maurergeselle ansässig sind.
Betrieb soll nicht vom Chef abhängig sein
»Langfristig ist außerdem wichtig, dass der Betrieb und sein Erfolg nicht allein an meiner Person festgemacht werden«, so Schmäh. »Darum ist eine zweite Führungsebene so wichtig.« Dabei kommt eine ganz besondere Eigenschaft des Geschäftsführers zum Tragen: der Blick auf die Menschen und ihre individuellen Fähigkeiten und Stärken, um diese entsprechend einzusetzen. Geradezu ansteckend ist die positive Sichtweise des Unternehmers. Voller Optimismus setzt er sein Vertrauen in die Eigenverantwortung seines besonderen Teams und in die nächste Generation.
Übrigens: Wer die traditionelle Zimmererkunst lernt und mit ihr arbeitet, kann später ohne Probleme auch in einer prozessoptimierten Firma arbeiten. Wer hingegen zu lange nur mit Vorfertigung und Fertigungsstraßen gearbeitet hat, wird sich schwertun, hier wieder umzulernen.
Hier geht's zu Teil 1 vom Artikel.
Bild 01+02: Die neue Produktionshalle von innen.
Bild 03: Bau des neuen klimaneutralen Firmensitzes in Meersburg.
Bild 04 Insgesamt wurden hier 6,5 Millionen Euro investiert.
Bild 05: Die erfahrenen Gesellen und Baustellenleiter Andreas Jaeger (li.) und Lukas Theurich (Mitte) sowie Jung-Gesellin Stella Menke arbeiten auch bei Details Hand in Hand.
Bild 06: Derzeit werden 20 junge Menschen ausgebildet. Für den Fachkräfte-Nachwuchs wurde der eigene Azubi-Campus eingerichtet. Das Bild zeigt die Azubis mit ihren Ausbildungsmeistern.
Bilder: Holzbau Schmäh, Martin Maier











