Zimmerer Ausbildung weltweit: Teil 2 – Amerika und Ozeanien
Nordamerika: Timberframe oder Ballonframe– In den USA läuft es anders ab
Die Amerikaner sind bekannt dafür, dass sie den amerikanischen Traum durch Fleiß und Entschlossenheit verfolgen. Wenn etwas nicht beim ersten Mal funktioniert, wird es erneut versucht und experimentiert. Diese Mentalität spiegelt sich auch in der Bauweise wider: Während Timberframe-Gebäude äußerst präzise konstruiert werden ähnlich unseren Fachwerkhäusern, sind Ballonframe-Häuser eher simplifiziert - ein paar Rahmen, schnell mit der Nagelpistole zusammengeschossen, Rigipswände und Dachpappe darüber.
Die Ausbildung zum Zimmerer in den USA erfolgt in der Regel durch Lehrstellen (Apprenticeships), die sich über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren erstrecken. Während dieser Ausbildungszeit arbeiten angehende Zimmerer eng mit erfahrenen Handwerkern zusammen, um praktische Fertigkeiten im Umgang mit Holz und anderen Baumaterialien zu erlernen. Diese Lehrstellen bieten eine intensive Ausbildung, die sowohl theoretisches Wissen als auch praktische Erfahrung vermittelt. Es gibt auch Unterschiede in den Ausbildungsinhalten, wobei einige Programme spezialisierte Fähigkeiten wie Möbelbau oder die Konstruktion maßgeschneiderter Häuser hervorheben können, je nach den Bedürfnissen und der Nachfrage des lokalen Baugewerbes.
Südamerika: Maestro in Chile
In Südamerika bzw. Chile gibt es keine Ausbildung. Hier zählt die Devise: Arbeiten & Erfahrung sammeln, bis man sich dann Meister oder auf Spanisch Maestro nennt. Man lernt bei der Arbeit von den Erfahrenen Mitarbeitern, bei Bedarf werden Dinge näher erklärt und das Wissen wird weitergegeben. Auch hier fehlt oft das Hintergrundwissen, Fortbildungen und Weiterbildungsmöglichkeiten sind nicht sehr verbreitet. Während es Ausbildungen zum Koch oder KFZ-Mechatroniker gibt, ist eine Zimmererlehre noch nicht etabliert. Allerdings gibt es von der Holzindustrie (Bau und Forst) bereits Bestrebungen eine einheitliche Ausbildung zu organisieren.
Chile hat eine Aufstrebende Holzindustrie, mit großen Firmen, die eine Produktion von jährlich 42Mio m³ Holz haben. Im Unternehmen Tronco Noble in Villarrica sind regelmäßig deutsche Zimmerer auf der Walz sowie französische Compagnons du Devoir tätig. Als Geschäftsführer verfügen Andres und Angelika über mehr als 15 Jahre Erfahrung in Deutschland und der Schweiz als Architekt, Holzbauingenieur, Schreinerin und Designerin. Ihr umfangreiches Know-how möchten sie nun in Chile einsetzen und weitergeben.
Ozeanien: Qualifiziert durch eine geregelte Ausbildung in Neuseeland
Neuseeland bietet eine strukturierte Zimmererausbildung, die Praxis und Theorie kombiniert. Hier erwirbt man das New Zealand Certificate in Carpentry (Level 4) durch eine Managed Apprenticeship. Diese Ausbildung umfasst sowohl praktische Arbeit auf der Baustelle als auch theoretische Einheiten an Bildungsinstituten und dauert bis zu drei Jahre.
Hier wird ähnlich wie in den USA gebaut, viele neuseeländische Häuser haben dünne Wände mit wenig Dämmung und einfach verglaste Fenster. Handwerker genießen in der neuseeländischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Die Ausbildung bietet nicht nur gute Verdienstmöglichkeiten, sondern auch Perspektiven wie die Selbstständigkeit oder eine Karriere im Bauleitungsbereich.
Australien: Handwerkliche Karriere im Outback
In Australien bietet die Zimmererausbildung eine vielseitige Möglichkeit, eine Karriere im Bauhandwerk zu starten. Während der Ausbildung werden angehende Zimmerer in die Kunst des Bauens und Reparierens von Gebäuden aus Holz und anderen Materialien eingeführt. Diese praktische Ausbildung erstreckt sich über 3-4 Jahre und bereitet die Lernenden intensiv auf die Anforderungen des Baugewerbes vor. Je nach Spezialisierung, die vom Ausbildungsbetrieb festgelegt wird, können angehende Zimmerer an Wohnprojekten, Gewerbebauten oder großen Industrieprojekten arbeiten. Die Ausbildung ist eine Kombination aus praktischem Training und der Erlangung national anerkannter Qualifikationen. Auch hier sind die sogenannten "Tradies" (Handwerker) oder in unserem Fall "chippys" (Zimmerer) sehr angesehen.
Fazit
Während die USA und Chile auf praktische Erfahrung setzen, bietet Australien eine vielseitige handwerkliche Karriere im Bauhandwerk. Neuseeland hingegen punktet mit einer strukturierten Ausbildung und international anerkannten Abschlüssen. Egal ob du den pragmatischen Ansatz in den USA, die Praxisnähe in Chile, die handwerkliche Vielfalt in Australien oder die formale Ausbildung in Neuseeland bevorzugst – als Zimmerer stehen dir weltweit spannende Möglichkeiten offen!
Falls euch interessiert, wie Amerikaner auf die Schweizer Zimmererlehre reagieren können wir euch dieses Video empfehlen!
Im nächsten und letzten Blog geht es weiter nach Asien und Afrika, sei gespannt!
Hier gehts zu Teil 1.
Titelbild: Tronco Noble
Bild 1: Pixaby; Timber Frame
Bild 2: Pixaby; Ballonframe
Bild 3: Pixaby; Holzhaus
Bild 4: Tronco Noble; Besprechung in der Werkstatt
Bild 5: Tronco Noble; Vorelementierung in der Werkstatt - Wikkelhouse
Bild 6: Tronco Noble; Vorelementierung in der Werkstatt - Wikkelhouse
Bild 7: Tronco Noble; Fertiges Haus - Wikkelhouse
Bild 8: Andreas Winkler; Holzhaus in Neuseeland
Bild 9: Andreas Winkler; Holzhaus in Neuseeland mit Glaswolle als Dämmung im Wandaufbau
Bild 10: Andreas Winkler; Holzhaus in Neuseeland - Trockenbau mit Gipskarton
Text: Philip Bucher





















