Baustelle
Zimmerei Fuchs GmbH
05.11.2026

Der Dachreiter ist zurück - Zwischen traditionellem Zimmererhandwerk und modernster Technik

3D-Laserscanning, aufwendige Restaurierungsarbeiten, traditionelle Handwerkskunst und eine spektakuläre Kranmontage: Die Wiedererrichtung des neugotischen Dachreiters der katholischen Kirche St. Martin in Lorch am Rhein vereinte zahlreiche Facetten des modernen Zimmererhandwerks.

Manche Baustellen bleiben besonders in Erinnerung. Nicht unbedingt wegen ihrer Größe, sondern wegen der handwerklichen Herausforderungen, der konstruktiven Besonderheiten und der spannenden Momente während der Ausführung. Die Restaurierung und Wiedererrichtung des neugotischen Dachreiters der katholischen Kirche St. Martin in Lorch am Rhein gehört für uns definitiv dazu. Nach mehreren Jahren ohne Dachreiter konnte die Kirche Anfang November 2026 endlich wieder ihre vertraute Silhouette zurückerhalten. Bis dahin war es allerdings ein langer Weg, bei dem traditionelle Handwerkstechniken, moderne Vermessungsverfahren, aufwendige Restaurierungsarbeiten und eine präzise Arbeitsvorbereitung ineinandergreifen mussten.

Digitale Bestandsaufnahme als Grundlage

Den Ausgangspunkt bildete eine umfangreiche Bestandsaufnahme. Sowohl die historische Dachreiterspitze (wurde bereits 2023 im Zuge einer Notsicherung abgenommen und vor der Kirche platziert) als auch die vorhandene Dachkonstruktion der Kirche wurden mittels 3D-Laserscanning erfasst. Die Vermessungsarbeiten übernahm Mattias Weidinger von Laserscanning Bayern. Die dabei entstandenen Punktewolken bildeten eine wichtige Grundlage für die weitere Planung in unserem CAD-Programm SEMA. Gerade bei historischen Holzkonstruktionen, bei denen Verformungen, unterschiedliche Bauteilgeometrien und jahrhundertealte Bauweisen berücksichtigt werden müssen, bietet das dreidimensionale Aufmaß große Vorteile.

Auf dieser Grundlage wurde der mittlere Turmschaft vollständig neu konstruiert und anschließend in unserem Betrieb in Miehlen vorgefertigt. Die Vorfertigung ermöglichte es, die anspruchsvollen Holzverbindungen und konstruktiven Details bereits unter Werkstattbedingungen präzise auszuführen. Neben traditionellen zimmermannsmäßigen Holzverbindungen kamen auch moderne Verbindungstechniken und Verbindungsmittel zum Einsatz. Die Kombination aus bewährten handwerklichen Lösungen und zeitgemäßer Ingenieurtechnik spielte bei der konstruktiven Umsetzung eine wichtige Rolle.

Restaurierung der historischen Dachreiterspitze

Während der mittlere Turmschaft vollständig neu hergestellt wurde, lag der Schwerpunkt bei der historischen neugotischen Dachreiterspitze auf der Erhaltung und Instandsetzung der vorhandenen Bausubstanz. Die Arbeiten erfolgten innerhalb eines Wetterschutzgerüstes. Dort wurde die historische Konstruktion restauriert und anschließend vollständig neu eingekleidet.

Besondere Aufmerksamkeit galt den zahlreichen gestalterischen und handwerklichen Details. Die Turmbekrönung, die charakteristischen Krabben und Wasserspeier wurden überarbeitet. Auch die filigranen hölzernen Maßwerke und Schallluken wurden getreu dem historischen Bestand nachgebildet. Gerade diese Bauteile zeigen eindrucksvoll, wie viel handwerkliches Können in historischen Bauwerken steckt. Neben der konstruktiven Holzbearbeitung waren hier präzises Arbeiten, ein gutes Verständnis der ursprünglichen Gestaltung und viel Liebe zum Detail gefragt. Auch die historische Glocke gehörte zum Umfang der Arbeiten. Sie wurde im Zuge der Maßnahmen geborgen und anschließend wieder an ihrem vorgesehenen Platz montiert. So entstand Stück für Stück aus der restaurierten historischen Spitze, den rekonstruierten Schmuckelementen und dem vollständig neu gefertigten Turmschaft wieder eine zusammenhängende Konstruktion.

Spektakuläre Montage ohne umlaufendes Arbeitsgerüst

Nach Abschluss der umfangreichen Vorfertigungs- und Restaurierungsarbeiten stand schließlich der wohl spannendste Teil des Projektes bevor: der Rückbau des bestehenden Turmschafts und dier Montage des Dachreiters. Zunächst mussten im bestehenden Dachtragwerk die erforderlichen Vorbereitungen für den Einbau und die Anschlüsse der neuen Konstruktion durchgeführt werden. Die eigentliche Montage erfolgte anschließend mithilfe eines Mobilkrans. Eine besondere Herausforderung war dabei, dass sämtliche Montagearbeiten am Dachreiter aus einer Hubarbeitsbühne heraus ausgeführt wurden – vollständig ohne ein Arbeitsgerüst am Kirchendach.

Im ersten Schritt wurde der vollständig neu gefertigte Turmschaft eingehoben, ausgerichtet und mit der vorhandenen Dachkonstruktion verbunden. Anschließend folgte die restaurierte historische Dachreiterspitze. Das Zusammenführen der beiden Konstruktionsteile in großer Höhe erforderte höchste Präzision. Hier war Millimeterarbeit gefragt. Neben den sorgfältig vorbereiteten Anschlüssen und Verbindungen kam es vor allem auf die Abstimmung zwischen Kranführer und Montageteam an. Für unsere Zimmerer war diese Montage eine besondere Herausforderung, bei der handwerkliche Erfahrung, eine vorausschauende Arbeitsweise und ein gut eingespieltes Team entscheidend waren.

Als schließlich auch die historische Dachreiterspitze wieder an ihrem Platz saß, war dies ein ganz besonderer Moment für alle Beteiligten.

Handwerkliche Tradition und moderne Technik – kein Widerspruch

Was dieses Projekt für uns so besonders macht, ist die Vielfalt der ausgeführten Arbeiten. Von der digitalen Bestandserfassung mittels 3D-Laserscanning über die konstruktive Planung und Vorfertigung des neuen Turmschaftes bis hin zur Restaurierung historischer Bauteile, der originalgetreuen Rekonstruktion filigraner Maßwerke und der abschließenden Kranmontage waren unterschiedlichste Fähigkeiten unseres Handwerks gefragt. Dabei zeigte sich einmal mehr, dass sich traditionelle Handwerkskunst und moderne Technik hervorragend ergänzen.

Historische Holzverbindungen, die sorgfältige Bearbeitung einzelner Bauteile und das Verständnis für jahrhundertealte Konstruktionen haben in der Denkmalpflege nach wie vor einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig ermöglichen moderne Verbindungstechniken, digitale Planungsgrundlagen und zeitgemäße Montagetechnik die sichere und präzise Umsetzung anspruchsvoller Instandsetzungsmaßnahmen.

Für uns sind solche Projekte genau das, was die Leidenschaft für unser Handwerk ausmacht. Es ist etwas Besonderes, wenn man mit seiner Arbeit nicht nur ein historisches Bauwerk instand setzen, sondern auch einen Teil seiner Geschichte für kommende Generationen bewahren kann.

Die Rückkehr des Dachreiters wurde auch von der Hessenschau begleitet: Hier geht es zum Beitrag. 

 
Projekt: Restaurierung und Wiedererrichtung des Dachreiters, katholische Kirche St. Martin, Lorch am Rhein
Zimmererarbeiten: Zimmerei Fuchs GmbH
3D-Laserscanning: Mattias Weidinger, Laserscanning Bayern
Bilder: Zimmerei Fuchs GmbH

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