Baustelle
DACH\LIVE Online-Magazin
28.10.2020

Dachabsturz 2020: Zahl tödlicher Unfälle steigt stark an

Brutale Schicksale: Eine Presseschau schwerer Unfälle von Dachdeckern. Wir erläutern die Ursachen und zeigen auf, was Betriebe präventiv tun können – etwa mit neuer, vom Beitrag unabhängiger Förderung durch die Berufsgenossenschaft BG Bau.
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Oft muss erst etwas Einschneidendes passieren, bevor Menschen tatsächlich Veränderungen in die Tat umsetzen. Das gilt auch für den Dachabsturz, der zwei Drittel aller Unfälle bei Dacharbeiten ausmacht. Die Devise: Bei uns passiert das nicht, wir passen auf. Eine Gefahrenanalyse vorab für das jeweilige Dach oder eine Absturzsicherung brauchen wir nicht, kostet auch zu viel Zeit.

19-jähriger Dachdecker-Azubi stürzt tödlich ab

Bis dann zu lesen ist, dass im April 2020 ein 19-Jähriger Dachdecker in Ausbildung tödlich abstürzt. Ereignet hat sich das Unglück im baden-württembergischen Neuhausen. Der junge Mann, der auf dem Dach eines Wohnhauses gemeinsam mit mehreren Kollegen arbeitete, stürzte aus bisher unbekannten Gründen von einem Dachvorsprung zweieinhalb Meter in die Tiefe. Ärztliche Hilfe kam für ihn zu spät.

Oder ein Absturz aus 17 Meter Höhe im August 2020 auf der Arena-Baustelle an der Lüner Rennbahn in Lüneburg. Auch hier stürzte ein Dachdecker aus noch ungeklärter Ursache vom Dach und wurde dabei schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Die Arbeiter, die den Vorfall miterlebt haben, mussten seelsorgerisch und psychologisch betreut werden. Sie verließen danach die Baustelle.

Zunahme der Dachabstürze ist besorgniserregend

Jeder Einzelfall ist furchtbar und einer zu viel. Und sie häufen sich. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2020 ereigneten sich 40 tödliche Arbeitsunfälle auf Baustellen – fast 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Fast die Hälfte der Unfälle lässt sich auf Abstürze oder Durchstürze zurückführen, so die aktuelle Auswertung der BG BAU. Allein zwischen April und Mitte Mai verunglückten sechs Menschen bei Dach-Durchstürzen tödlich. Das sind fast so viele wie im gesamten Jahr 2019. Auch die Zahlen für tödlichen Dachabsturz sowie Absturzunfälle von Leitern und Gerüsten ist viel zu hoch. Denn schon ein Absturz aus geringer Höhe kann, wie im oben beschriebenen Fall des Azubis fatale Folgen haben.

Eine Ursache für Dachabsturz: Fehlendes Gefahrenbewusstsein  

Welche Ursachen sieht die BG Bau für den Anstieg tödlicher Dachabstürze 2020? Die meisten Unfälle sind auf Verstöße gegen Arbeitsschutzvorschriften, wie zum Beispiel das Arbeitsschutzgesetz oder die Unfallverhütungsvorschrift Bauarbeiten zurückzuführen. Probleme bereiten aber auch das fehlende Gefahrenbewusstsein sowie Nachlässigkeiten von manchen Beschäftigten.

„Gefährdungsbeurteilungen dürfen daher nicht als lästige Pflicht gesehen, sondern müssen schon bei der Planung der Arbeiten vorgenommen werden“, sagt Bernhard Arenz, Präventionsleiter BG Bau. Notwendig seien ebenso regelmäßige und baustellenspezifische Unterweisungen der Beschäftigten, auch um Nachlässigkeiten durch Routine bei älteren Berufstätigen und fehlende Erfahrungen bei den Jüngeren auszugleichen.

Gefahrenquellen für Dachabsturz: Oberlichter und Lichtbänder

Gerade Lichtbänder und Lichtkuppeln aus Acryl oder Polycarbonat können zu Todesfallen werden. Nach der Herstellung zunächst durchsturzsicher, kann der Kunststoff aufgrund der Witterung sowie nutzungsbedingt jedoch zunehmend spröde werden. Bei allen Oberlichtern, wie Lichtkuppeln, Lichtbändern, Lichtplatten, Glasoberlichter und Shed-Verglasungen ist deshalb Vorsicht geboten.

Dazu Arenz: „Oberlichter müssen mit festen Absturzsicherungen, etwa Geländer oder innen- oder außenliegende Gitter geschützt sein.“ Bei allen Arbeiten in der Umgebung, beispielsweise beim Auswechseln von Oberlichtern, müssten zudem geeignete persönliche Schutzausrüstung vor Ort und ein Rettungskonzept vorhanden sein.

Beitragsunabhängig: Neues Prämienpaket der BG Bau gegen Dachabsturz

Hochgelegene Arbeitsplätze und unzureichende Sicherheitseinrichtungen sorgen immer wieder für schwere und tödliche Arbeitsunfälle. Mit dem neuen Prämienpaket gegen Dachabsturz bietet die BG BAU jetzt beitragsunabhängige Förderungen. Unternehmen sollen so finanziell dabei unterstützt werden, verstärkt in Sicherheit und Absturzprävention zu investieren – unabhängig von ihrem Mitgliedsbeitrag. Die Fördersumme beträgt bis zu 10.000 Euro.

Zudem gibt es weiterhin die beitragsabhängige Förderung der BG Bau. Mit finanziellen Anreizen über Prämien wird die Anschaffung spezieller Sicherungssysteme gegen Dachabsturz unterstützt, wie Podestleitern, Stufen-Schiebeleitern, Kleinsthubarbeitsbühnen, Ein-Personengerüste oder temporäre Lifeline-Systeme mit Höhensicherungsgerät und Auffanggurt.

Dachabsturz hat den Chef wachgerüttelt

Gut investiertes Geld, wie ein Geschäftsführer eines Dachdeckerbetriebs es anonymisiert auf der Homepage der BG Bau formuliert. Nachdem ein Mitarbeiter in Anwesenheit von Kollegen tödlich durch eine nicht tragfähige Wellplatte auf einem Flachdach abstürzte, hatte es ihn wachgerüttelt. „Ich habe viel investiert in neue persönliche Schutzausrüstung (PSA) und arbeite eng mit einem Gerüstbauer im Nachbarort zusammen. Sicherheit und Gesundheit stehen für uns nun an erster Stelle und ohne Schutz geht keiner mehr aufs Dach. Es ist traurig, dass wir das auf die harte Tour lernen mussten. Und wir müssen nun alle damit leben.“

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3 Kommentare
Christian Hirn
12.11.2020

Hallo,

Ein sehr wichtiges Thema, vor allem sollte man gut abgesichert sein was BU etc. angeht. 

Bin da erst an unseriöse Vertreter geraten die nur verkaufen wollten aber zum Glück werde ich jetzt gut und ehrlich beraten! 

Max Vorndran
10.11.2020

Hallo Nils,

bei uns ist das genauso, wenn die Altgesellen und auch Meister eine Absturzsicherung anziehen sollen, wird auch gemosert und gesagt "früher gings auch ohne" oder "das haben wir schon immer so gemacht". Schade eigentlich, manch einer Wacht aber vielleicht erst auf wenn er mit dem Kopf auf den Boden geknallt ist oder auch gar nicht mehr,.... grüße Max

Nille
06.11.2020

Als ich den Artikel das erste Mal gelesen hab, war ich voll erschrocken und hab das, natürlich, am nächsten Tag gleich mit den Kollegen bereden wollen. Da ist ganz schnell ein krasser Unterschied klar geworden. Die Alten sagen, ach bei uns ist damals nie was passiert. Wir haben uns Rüstungen noch selber gebaut, wenn sich da mal was gelöst hat, dann hat mans halt wieder fest gemacht. Wir sind nicht wegen jedem Mist gleich nach Hause gegangen. 

Wohin gegen die Jüngeren, gefühlt, eher ich sag mal Verständnis für die ganze Situation gezeigt haben und auch die angebotene Unterstützung der BG gut finden. 

Ich weiß nicht, ist das in anderen Firmen auch so, dass, ich sag mal die Altgesellen oft noch ein auf harten Kerl machen und so gesehen das ganze Thema der PSA als "Lachnummer" abtun, oder hab nur ich den Eindruck?

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