Gebogenes Holz über fünf Geschosse: Das Atrium im Stammhaus von Blumer Lehmann
Das Herzstück des Gebäudes besteht aus gebogenen Brettsperrholzelementen, die zu einer frei geformten Treppen- und Tragkonstruktion zusammengefügt wurden. Entwickelt wurde das Atrium gemeinsam von Blumer Lehmann und dem Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung (ICD) der Universität Stuttgart. Hier treffen digitale Planung, präzise Fertigung und klassisches Holzbau-Know-how aufeinander.
Eine Treppe, die mehr kann
Das Atrium zieht sich durch alle fünf Geschosse und verbindet die einzelnen Ebenen miteinander. Dabei ist es weit mehr als eine außergewöhnlich geformte Treppe. Zwischen den gebogenen Holzelementen entstehen Sitznischen, Balkone sowie immer neue Ein- und Ausblicke. Das Atrium wird so zum zentralen Treffpunkt im Gebäude.
Besonders auffällig ist der Kontrast zum restlichen Bau. Während das Bürogebäude einem klaren Raster folgt, verlaufen die Flächen im Atrium geschwungen und frei durch den Raum. Von oben fällt Tageslicht durch ein rundes Oberlicht mit 8,5 Metern Durchmesser auf die Holzkonstruktion.
Gebogenes CLT trägt über fünf Geschosse
So spektakulär die Konstruktion aussieht, sie ist nicht nur fürs Auge gemacht. Die gebogenen Massivholzplatten übernehmen eine tragende Funktion. Sie tragen die Treppenanlage, angrenzende Geschossdecken und Teile der Dachkonstruktion.
Dabei hilft die gebogene Form auch statisch. Durch die Krümmung werden die Bauteile besonders steif. Deshalb kommen die Wände mit maximal 130 Millimetern Stärke aus. Die tragende innere Wange der Treppe ist sogar nur neun Zentimeter dick. Für die gesamte Konstruktion wurden außerdem nur zwei unterschiedliche Radien verwendet. Das reduziert die Zahl der Varianten und macht die komplexe Form konstruktiv beherrschbarer.
Wenn bei der Montage alles passen muss
Bei einer solchen Konstruktion kommt es auf Genauigkeit an. Schon kleine Änderungen an der Neigung eines Elements verändern die Anschlüsse zu den benachbarten Bauteilen. Entwurf, Statik, Abbund und Montage mussten deshalb von Anfang an eng zusammenspielen.
Die komplette Geometrie wurde am Computer entwickelt und für die Fertigung vorbereitet. Besonders anspruchsvoll waren die vielen Verbindungen und mehrere Tausend Vorbohrungen in unterschiedlichen Winkeln. Der Aufwand in der Planung und Vorfertigung zahlte sich auf der Baustelle aus: Die unterschiedlich geneigten Fugen der gebogenen Platten passten bei der Montage exakt zusammen.
Gebogenes Brettsperrholz als nächster Schritt
Für das Atrium griffen Blumer Lehmann und das ICD auf Erfahrungen aus früheren Forschungs- und Bauprojekten zurück. Gleichzeitig wurde die Technik für das Stammhaus weiterentwickelt. Die gebogenen Platten wurden aus Fichten-Rohlamellen aus dem eigenen Holzwerk gefertigt.
Das dabei eingesetzte CLT curved entwickelt Blumer Lehmann derzeit als eigenes Produkt weiter. Das Atrium ist damit nicht nur das auffällige Herzstück des neuen Hauptsitzes, sondern auch ein Beispiel dafür, wohin sich der moderne Holzbau entwickeln kann.
Holzbau muss nicht immer gerade sein
Für Zimmerer ist das Projekt vor allem deshalb spannend, weil die komplexe Form nicht auf Kosten der Konstruktion geht. Die gebogenen Holzelemente formen den Raum, tragen Lasten und verbinden fünf Geschosse miteinander.
Das Stammhaus zeigt: Mit digitaler Planung, präziser Vorfertigung und sauberer Montage lassen sich mit Holz auch Formen bauen, die auf den ersten Blick kaum nach klassischem Holzbau aussehen.
Projektteam:
ICD Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung
Prof. Achim Menges, Martin Alvarez, Laura Kiesewetter, David Stieler, Dr. Dylan Wood
Mit Unterstützung von:
Edgar Schefer, Lena Strobel, AlinaTurean
Blumer Lehmann AG
Katharina Lehmann, Martin Looser, David Riggenbach, Ursula Frick, Bertie Hipkin, Benedikt Schneider
K+L Architekten
Thomas Lehmann, Johanna Deinet
SJB Kempter Fitze AG (Ingenieure) Stefan Rick
Fotos:
ICD Universität Stuttgart
Roland Halbe
Jan Thoma | Blumer Lehmann