Sonstiges
BUBIZA
23.07.2026

Restauratorenkurs besucht das LWL-Freilichtmuseum Detmold

Handwerk, das Wissen schafft Über eine Exkursion im Rahmen der Qualifikation zum Master Professional für Restauratoren im Zimmerhandwerk und der Frage danach, warum diese dem akademischen Bildungsweg nicht gleichgestellt ist. von Diana Wetzestein

Detmold. 42 mal 15 Meter. Das Haupthaus Schulte Bisping aus der Bauerschaft Alst bei Albersloh im Münsterland ist ein imposantes Fachwerkgebäude. Und das größte niederdeutsche Hallenhaus im LWL-Freilichtmuseum Detmold. Der Gräftenhof eines Großbauern, des „Schulten“, wurde 1787 südlich von Münster als Vierständerbau errichtet. 1967 bis 1969 wurde das riesige Gebäude transloziert, also abgetragen und im Detmolder Gelände wieder aufgebaut. Eine Hinweistafel am Eingang erzählt etwas über die Nutzung, die Herkunft und die Baustoffe.

Ende Mai besuchten sechs angehende Restauratoren im Zimmerhandwerk das Freilichtmuseum. Diese Exkursion ist Teil ihrer Qualifikation „Master Professional Restaurator im Zimmerhandwerk“ am Bundesbildungszentrum des Zimmerer- und Ausbaugewerbes (BUBIZA) in Kassel. Dozentin Dr. Dorothee Hemme vermittelt in ihrem Unterricht wissenschaftliche Hintergründe zu Handwerksgeschichte und Erfahrungswissen. Aber auch Kulturerbe-Theorien und ihrer gesellschaftlichen Anwendungen sind Thema ihres Unterrichts. „Bei der Exkursion geht es vor allem darum, die angehenden Restauratoren dafür zu sensibilisieren, wo handwerkliches Können, Techniken und das Wissen über Material und Erfahrungstransfer auf dem Gelände sichtbar sind und kommuniziert werden“, sagt die Kulturwissenschaftlerin.

Die historischen Gebäude fallen ja nicht einfach so vom Himmel. Es war ein langer, beschwerlicher Weg von ihrem Ursprungsplatz ins Museum. Für Mensch und Material. Darüber weiß der Hausforscher Dr. Heinrich Stiewe, ebenfalls Dozent der Gruppe, Interessantes zu erzählen. Er hat alle Gebäude „studiert“, kann über Geschichte, Bautechnik, Besonderheiten und Herausforderungen bei der Erhaltung aus dem Stegreif berichten. Gemeinsam mit der Bauingenieurin des Baureferates im Freilichtmuseum, Katharina Trinczek, gibt es an diesem Tag tiefe Einblicke in die Organisation der Bauwerkserhaltung. Die Zimmermeister bekamen zu sehen, was dem normalen Besucher oft verborgen bleibt.

Qualifikation gefragt: Nach DQR 6 kommt 7

Schließlich sind es die Zimmerer und Restauratoren im Handwerk, die es erst möglich machen, das gebaute Kulturerbe in Westfalen und anderswo für künftige Generationen zu erhalten. Den Kurs zur Qualifikation am BUBIZA nehmen sie aus unterschiedlichen Gründen wahr und dafür viel auf sich.

Nach Ausbildung, Gesellenzeit oder Wanderschaft, nach Meisterschule und dem Arbeitsalltag wieder die Schulbank zu drücken, um sich zu spezialisieren, ist keine leichte Entscheidung. In ihrem Arbeitsalltag stoßen die Zimmerer immer wieder auf historische Holzverbindungen, müssen erkennen, was sie vorgefunden haben und einschätzen, ob die Denkmalpflege hinzuzuholen ist. Historische Holzverbindungen verschiedener Jahrhunderte, Farben, Putze, Kleber und kontaminierte Materialien, die gesundheitsschädlich sein können. Die müssen als solche erkannt, überprüft, zurückgebaut und fachgerecht entsorgt werden. In 800 Unterrichtsstunden werden sie am BUBIZA in diesen und weiteren Themenfeldern unterrichtet. Diese Gruppe besteht aus selbstständigen Zimmermeistern, die den Restaurator machen, um an Ausschreibungen teilnehmen zu können, andere sind angestellt gewesen und wollen nur noch als Restaurator an historischen Bauwerken arbeiten. Zwei könnten sich auch gut vorstellen, im Freilichtmuseum zu arbeiten. Die Qualifikation DQ7 halten sie für ein gutes Instrument, um das materielle und immaterielle Kulturerbe durch das Handwerk aufzuwerten. Und noch mehr Kolleginnen und Kollegen für den Restauratorenkurs zu begeistern. Diese Weiterbildungsmaßnahme wurde bei der Handwerkskammer eingeführt und dabei die Anerkennung des DQR 7-Niveaus für die erfolgreich abgeschlossene Fortbildung zum „Master Professional für Restaurierung im Zimmerhandwerk“ in Aussicht gestellt. Sie steht aber immer noch aus.

Reparieren, erhalten, sanieren, nach der Qualifikation „Geprüfter Restaurator im Handwerk (Zimmerhandwerk) – mit Qualifikation Master Professional im Handwerk, ist eine Anstellung in einem Freilichtmuseum wie Detmold sicherlich möglich. Dass diese Qualifikation noch immer nicht als DQ7 oder EUQ7 anerkannt und damit den Hochschul-Restauratorinnen und Restauratoren gleichgestellt ist, kann Dr. Hemme nicht nachvollziehen. Die Master-Professional-Fortbildung im Zimmerhandwerk vermittelt fundiert umfangreichste theoretische und praktische Kenntnisse. „Dass bei dem so erworbenen Abschluss immer noch um Gleichstellung mit dem akademischen Masterabschluss gerungen wird, ist möglicherweise Ausdruck eines kulturhistorisch gewachsenen, wissenschaftlich inzwischen dekonstruierten Denkstils, der das Können als Sache der Hände zwar schätzt, das Wissen als Sache des Intellekts jedoch darüber setzt“, so Dr. Hemme.

Schädlinge erkennen – rechtzeitig eingreifen

All das vergisst man im weitläufigen, 90 Hektar großen Gelände des Freilichtmuseums. In der historischen Kulturlandschaft erwartet die angehenden Restauratoren ein Rundgang zu einzelnen Gebäuden und zwei Windmühlen mit Einblicken in die Dachwerke einzelner Gebäude und einen Blick hinter die Kulissen in den Bauhof des Museums. „Wir unterhalten und erhalten hier eine Kleinstadt mit über 100 Gebäuden“, so Trinczek. Das Augenmerk der angehenden Restauratoren richtet sich oftmals auf die ganz kleinen Dinge, die bei der Instandsetzung wichtig sind, wie die Ausfluglöcher von Nagekäfern in einem Eichendeckenbalken im Lippischen Meierhof.

„Dieses Gebäude wurde vor einigen Jahren einer Heißluftbehandlung unterzogen, jetzt sind die Schädlinge wieder da oder sie waren nie ganz weg. Das können wir nicht genau sagen, das muss sorgfältig beobachtet werden“, sagt Katharina Trinczek, während sie die betroffenen Stellen im Dachgeschoss beleuchtet.

Theorie und Praxis werden weiter erforscht

Das Herzstück des Freilichtmuseums ist der Bauhof mit einer großen Abbundhalle, in der ganze Wände ausgelegt und abgezimmert bzw. restauriert werden können. Außerdem gibt es eine moderne Tischlerei mit Maschinen- und Bankraum. Die Zimmer- und Gebäuderestauratoren Jürgen Kagerer und Tobias Striewe erläuterten, wie man vorgeht bei der Reparatur historischer Fachwerkkonstruktionen. Der Frage: „Wie geben wir das Wissen weiter?“, stellt sich das Team des Freilichtmuseums immer wieder. Das treibt sie an. Und dafür braucht es ganz sicher das Zusammenspiel von Theorie und Praxis. Denn die Theorie hat sich nun mal aus der Praxis entwickelt, wie der gut erforschte Dachstuhl des Gräftenhofes, mit einem über zehn Meter hohen Kehlbalken-Sparrendach mit 55 Grad-Neigung imposant unter Beweis stellt. Das ist es, was Handwerk seit Jahrhunderten kann.

Unter dem imposanten Dachwerk ist gut vorstellbar, wie es an dem Tag des Richtfestes 1787 wohl gewesen ist. „Kaum vorstellbar, wie viele Zimmerer und Helfer hier geschafft haben“, sagte Jurek Sander. Gerade kann niemand darauf eine Antwort geben, aber die Menschen, die dabei waren, als der Zimmermeister beim Richtfest den Segen auf Haus, Hof und Bauherren gesprochen hat, waren sicherlich überwältigt von diesem Anblick. Fast 250 Jahre später hat dieses Bauwerk immer noch dieselbe Wirkung. Großartig!

Im Freilichtmuseum stehen aber nicht nur einzelne Wohn- und Stallgebäude, vielmehr sind hier die wesentlichen Haus- und Siedlungsformen aus allen Regionen Westfalens versammelt – von der Streusiedlung mit Einzelhöfen im Norden und Westen über geschlossene Haufendörfer im Südosten bis zu Weilern und Kleindörfern im südlichen Sauer- und Siegerland. Wie Dr. Stiewe erklärte, sei dies der Leidenschaft und großen Sachkenntnis des Hausforschers Josef Schepers (1908 bis1989) zu verdanken, der, so Dr. Stiewe, die Forschung wesentlich geprägt und das landschaftliche Konzept des Freilichtmuseums entwickelt habe, das bis heute gültig sei.

Träger des Freilichtmuseums ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), einer von zwei großen Kommunalverbänden in NRW (Landschaftsverband Westfalen-Lippe, LWL, und Landschaftsverband Rheinland, LVR) mit mehr als 22.000 Beschäftigten. Er erfüllt wichtige überörtliche Aufgaben im sozialen Bereich, der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL und entsenden Vertreter in die Landschaftsversammlung, das „Westfalenparlament“, das die notwendigen politischen Entscheidungen trifft.

Dr. Stiewe, der auch mehrere Lehrveranstaltungen für die angehenden Restauratoren im Zimmerhandwerk am BUBIZA angeboten hat, ist Hausforscher mit Leib und Seele. Er verfügt über ein umfangreiches Wissen, das in keiner Bibliothek zu finden ist, weil sich die von ihm und anderen erforschten Kenntnisse zum Fachwerkbau und zum historischen Hausbau erst mit eigener Erfahrung und einem guten Netzwerk zu einem Gesamtbild zusammenfügen. In seinem Buch „Fachwerkhäuser in Deutschland“ (Darmstadt 2007 und 2015, antiquarisch erhältlich) kann vieles davon nachgelesen werden. Seit 1993 arbeitet Dr. Stiewe im Freilichtmuseum, seit 37 Jahren sitzt er infolge eines Arbeitsunfalls, den er während der Untersuchung eines Fachwerkhauses hatte, im Rollstuhl. Er kennt jedes Haus und jedes Bauteil im Gelände des Museums und hat das aktuelle Konzept zur Barrierefreiheit mit entwickelt. Zufahrtsrampen für Rollstuhlfahrende gibt es an den meisten historischen Gebäuden; Leihrollstühle, behindertengerechte WCs und Führungen für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung werden angeboten. „Inklusion kann und muss umgesetzt werden, nur darüber zu reden, reicht nicht aus“, so Dr. Stiewe. 

Neue Technik – alte Kunst  

Ohne neue Technik geht es nicht. Pläne und Zeichnungen, eine wesentliche Dokumentations- und Planungsgrundlage für Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten in der Denkmalpflege, werden im Museum mit dem Leica iCON iCS50 der Firma Hexagon bzw. Leica Geosystems erarbeitet. Dieses lasergestützte System ermöglicht die punktgenaue, zwei- und dreidimensionale Aufnahme von Fachwerkkonstruktionen, ohne riesige Punktwolken zu generieren. Auch das gehört zu den Werkzeugen der Restauratoren im 21. Jahrhundert und konnte vor Ort ausprobiert werden.

Diese Vermessungstechnik machte es auch möglich, das Fachwerkgerüst eines spätmittelalterlichen Speichers, als westfälischer Ständer-Geschossbau mit Ankerbalken und Zapfenschlössern aus dem 15. Jahrhundert, zu einem Ausstellungstück zu machen. In der neuen Eröffnungsausstellung wird er gezeigt. Die Arbeiten am neuen Eingangs- und Ausstellungsgebäudes, wo die Fragmente dieses Gebäudes aufgestellt wurden, laufen auf Hochtouren. Anfang Juli wird es eröffnet. Es wird gebohrt und gesägt, Hubwagen rollen durch die große, moderne Halle, die einen starken Kontrast zum Freilichtmuseum darstellen. Die es aber auch ermöglichen sollen, dass die Geschichte der auf dem Gelände befindlichen Häuser, der Menschen, die darin lebten und der westfälischen Baukultur auch in den Wintermonaten erzählt werden kann. Digital und interaktiv.

Dr. Dorothee Hemme will sensibilisieren und mit dieser Exkursion den Handwerkern deutlich machen, dass nur praktisches Können dafür sorgt, die historischen Bauweisen zu verstanden und zu erhalten. „Wir sehen es oft als selbstverständlich an, dass Häuser im Museum repariert werden. Was man aber alles gelernt haben muss, um das fachgerecht zu verrichten, wird völlig unterschätzt “, sagt Dr. Hemme dazu.

Von der Exkursion ist auch der Zimmermeister und Restaurator Ulrich von Teubern immer wieder beeindruckt. Der Dozent im Restauratorenkurs hat seinen Unterricht, in dem es auch um werterhaltende Demontage, Montage, Handhabung und Trasport sowie Lagerung von Kulturgut geht, kurzerhand für den kommenden Tag ins Freilichtmuseum verlegt. Einfach, weil es Sinn mache, hier vor Ort die Praxis zu nutzen, um die Theorie greifbar zu vermitteln, so v. Teubern. Hier konnten sie besondere Museumsluft schnuppern.

Zimmermeister Jurek Sander sieht einen großen Mehrwert für die spätere Arbeit in der Denkmalpflege. „Wir wurden überschüttet mit wichtigen Informationen, die man leider so schnell gar nicht verarbeiten kann. Das, was wir im Unterricht gehört haben, wurde hier real. Interessant war auch, dass die Bauweisen das beschwerliche Leben früherer Generationen widerspiegelt“, so Sander, der das Wissen und die Begeisterung von Dr. Stiewe lobt und davon gern noch mehr hätte.

Der Tag im Freilichtmuseum hatte es in sich: ein weitläufiges Gelände, vielfältige Informationen und steile Aufstiege in die Dachkonstruktionen der westfälischen Geschichte. „Bei uns erfahren Sie, wie sich der Alltag im Laufe der letzten 500 Jahre verändert hat“, ist ein Versprechen des Museums, das eingehalten wurde. Und das kann auch so weitergehen, wenn Theorie und Praxis auf Augenhöhe zusammenarbeiten. „Wir können alles, was schon da ist!“, könnte eine Kampagne der Restauratoren im Handwerk heißen. Wenn es sie denn gäbe.

Infokasten DQR:

Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) ordnet alle deutschen Bildungsabschlüsse in acht Niveaus ein. Er soll die Orientierung im deutschen Bildungssystem erleichtern und zur Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa (durch den analogen EQR) beitragen. Auf allen Niveaus sind Anforderungen an fachliche und persönliche Kompetenzen, Wissen und Fertigkeiten definiert. Niveau 6 entspricht dem Meistergrad oder dem Bachelor-Niveau, Niveau 7 dem Master-Niveau. Wenn man die Beschreibungen des DQR betrachtet, liegt der wesentliche Unterschied zwischen Niveau 6 und Niveau 7 weniger in der Menge des Wissens als vielmehr in dessen Tiefe, Spezialisierung und strategischen Anwendung. Niveau 6 erfordert die Kenntnis eines Fachgebietes in seiner Breite und das Verständnis von Zusammenhängen. Auf Niveau 7 beherrscht man einen Bereich so tiefgehend, dass man neue Entwicklungen gestalten und fachliche Strategien entwickeln kann.

Von der Arbeitsgemeinschaft der Bildungszentren für handwerkliche Denkmalpflege wurde dem Zentralverband des Deutschen Handwerks e. V. im Juni 2026 die aktuelle Situation aus Sicht der Fortbildungszentren, zu der das BUBIZA zählt, dargestellt. Heike Notz, Sprecherin der ARGE, wies darin darauf hin, dass das gemeinsame Ziel eine klare, transparente und verlässliche Einordnung auf DQR-Stufe 7 sein müsse. Nur so würde bundesweit Planungssicherheit geschaffen und die Fortbildungslandschaft nachhaltig stabilisiert werden können.

Der Abschluss „Master Professional Restaurator im Handwerk“ habe sich bundesweit etabliert. Seit 2020 und der damals erfolgten Neuordnung werde das Ziel verfolgt, den Abschluss aufzuwerten und eine gleichwertige Alternative zum akademischen Abschluss anzubieten. Ein zentrales Element ist die perspektivische Einordnung auf DQR-Stufe 7.

Da dies bislang nicht erfolgt ist, obwohl seit 2022 die Kurse angeboten werden, bleibt dieser Weg dem Handwerk bislang versperrt.

Der nächste Restauratorenkurs am BUBIZA findet vom 1. Februar bis 10. Juni 2027 statt.

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