Deutsche Zimmerer und Kiwi Builder
Die letzten Tage auf der Baustelle
Fünf Wochen lang habe ich auf der Baustelle in Pyes Pa gearbeitet. Fünf Wochen haben wir so viel wie möglich vom Haus mit den spotted gum Brettern verschlagen. Fünf Wochen hab ich quasi bei Miles gewohnt und über fünf Wochen sind wir wirklich gute Freunde geworden.
Leider konnten wir bis zum Ende meiner Zeit den Verschlag nicht vollständig fertigstellen aber man sieht auf jeden Fall einen großen Fortschritt am Haus. Wir wissen beide, dass es eine Win-win-Situation war, da es ewig gedauert hätte, den Verschlag alleine zu machen und ich keine bessere Arbeit hätte finden können.
Für Miles steht jetzt noch viel an Innenausbau an. Doch die Tage werden kürzer, die Temperaturen niedriger, der neuseeländische Winter kommt immer näher und deshalb passt das Timing eigentlich gut. Wobei man auch sagen muss, dass der Winter in Tauranga eher wie der Herbst in der Heimat ausfällt
Deutschland vs. Neuseeland – Holzbau im Vergleich
Im ersten meiner Reiseberichte habe ich bereits erklärt, dass Klima und Erdbeben den Baustil in Neuseeland stark beeinflussen. Hier möchte ich genauer darauf eingehen, welche Besonderheiten mir aufgefallen sind und was mich überrascht hat. Im Positiven wie im Negativen.
Jedem Zimmerer wird sicher, wenn er einen neuseeländischen Bau sieht, auf den ersten Blick auffallen, dass es dort anders zugeht. Der Holzständerbau hat mit unserem nicht allzu viel zu tun. Die Wände aus den 4,5 cm x 9 cm Riegeln sind deutlich schwächer dimensioniert als bei uns üblich. Aber ohne zweiten Stock, ohne Schneelasten und mit deutlich geringerer Anforderung an die Wärmedämmung reicht das aus. Die Isolierung ist ein weiterer Punkt der sich stark unterscheidet. In Neuseeland werden nur die Außenwände gedämmt und in der Regel lediglich eine Fassadenbahn montiert. Auf eine Dampfbremse wird häufig verzichtet. Stattdessen wird auf der Innenseite nur mit einer Lage 10 mm starkem Gipskarton beplankt.
Bei den Innenwänden werden beide Seiten jeweils mit einer Lage 10mm Gipskartonbeplankt. Wie ihr euch vorstellen könnt erinnert das in Sachen Schallschutz eher an einen dicken Vorhang als an Wände wie wir sie kennen. Als ich Miles auf den dünnen Gipskarton angesprochen habe, hat er auch erzählt, wie er mal beim Rangeln mit einem Kumpel fast im Nebenraum gelandet wäre. Warum man nicht doppelt beplankt und zusätzlich dämmt, konnte er mir nicht wirklich beantworten. Das ist dann doch eine Gemeinsamkeit mit daheim gemäß dem Motto „wir machen das eben so“.
In Sachen Isolierung merkt man auch bei den Fenstern einen großen Unterschied. Noch nicht lange sind überhaupt zweifach verglaste Fenster der Standard.
Und auch der Dachaufbau schaut hier ganz anders aus als bei einem deutschen Wohnhaus und erinnert eher an Hallenbau. Auf die Nagelbinder kommt lediglich eine Unterspannbahn, bevor Querlattung und Trapezblech darauf montiert wird. Entsprechend kann man sich vorstellen, wie laut tropischer Starkregen auf einem solchen Blechdach sein kann.
Im letzten Beitrag hab ich schon erwähnt, dass ich mittels Kreuzlinienlaser die Ständer der Wände kontrolliert und ausgerichtet habe. Die Technik, die zum Ausrichten angewandt wird ist meiner Meinung nach etwas wild. Macht der Holzständer einen Bogen nach innen, wird mit dem Elektrohobel so viel abgenommen, bis er gerade ist. Macht er aber einen Bogen nach außen, werden auf das Holz in der entstandenen Kuhle lagenweise Streifen von Dachpappe getackert und so „ausgerichtet“ und für die Beplankung mit Gipskarton vorbereitet.
Builder vs Zimmerer
Das Zimmerersein in Neuseeland ist im Vergleich zu Deutschland schon sehr anders.
Ein Grund dafür liegt im Klima und im Baustil. Auf der Nordinsel muss man durch die milden Winter nicht wie zum Beispiel in Bayern im Herbst alle Baustellen „im trockenen“ haben. Außerdem muss man dadurch im Winter keinen längeren Arbeitsausfall fürchten. Auch wenn das Wetter schlechter wird, kann man das Jahr über gut durcharbeiten. Und das beeinflusst den Zimmereralltag stark.
Durch den in Neuseeland vorherrschenden Baustil kann der Builder den Großteil des Baus alleine stemmen. Hier und da wird aber Unterstützung von Roofern (Spengler), Sparkies (Elektriker), Plumbers (Heizungsbauer) und Bricklayers/ Brickies (Maurer) gebraucht. Da Builder sowohl Zimmerer als auch Schreiner/ Tischler sind und deshalb auch den Innenausbau übernehmen, bauen sie wirklich den Großteil des Hauses.
Ein wirklich großer Unterschied ist aber, dass man als angestellter Zimmerer zwar ein Firmenfahrzeug gestellt bekommt, für die Beschaffung des Werkzeugs ist man aber selbst verantwortlich. Sicher hat das den Vorteil, dass man das Werkzeug hat, was einem am liebsten ist, und wenn man etwas Neues will kauft man es „einfach“. Aber da der neuseeländische Builder auch nicht mehr verdient wie wir in Deutschland ist es dann doch nicht so einfach. Einem befreundeten Spengler („Roofer“) von Miles wurden mal seine Wasserwaagen gestohlen und seitdem macht er alles einfach mit Augenmaß, da er sich aktuell keine neuen Wasserwaagen leisten kann. Das ist sicher ein extremes Beispiel, es ist mir aber sehr im Kopf geblieben.
Für Miles war dadurch der Schritt in die Selbstständigkeit relativ einfach. Immerhin hatte er schon das ganze Werkzeug. Er musste nur noch ein Auto kaufen und alles aus dem Fahrzeug seiner alten Firma in seins laden.
Was für mich damals auch sehr ungewöhnlich war, ist, dass Miles keine Werkstatt hat und das wohl so üblich ist. Bei mir daheim in Bayern kenne ich keine Zimmerei ohne Werkstatt und auch wenn wir Zimmerer meist auf der Baustelle sind, stellt eine gut sortierte Werkstatt in vielen Situationen einen immensen Mehrwert dar.
Was die Kiwis besser machen – und was wir besser machen
Für mich war es wirklich sehr spannend zu sehen, wie die Kiwis arbeiten und wie dort gebaut wird.
Es gab einige Situationen, wie beim „ausrichten“ der Wände, in denen ich mir gedacht habe, dass wir das in Deutschland besser lösen. Hier wird meiner Meinung nach viel Zeit verwendet, um ein Ergebnis zu erzielen, das auch nicht ganz perfekt ist. Dem könnte man wohl durch andere Querschnitte oder eine Beplankung mit OSB-Platten vorbeugen. Beim Montieren der spotted gum Bretter habe ich aber gesehen, wie genau die Kiwis arbeiten können. Ich hätte gern noch bei anderen Bauabschnitten mitgewirkt, um zu sehen, wie dort gearbeitet wird. Besonders der Innenausbau hätte mich interessiert. Den Fotos nach hat Miles dort sehr hochwertigen Wohnraum geschaffen. Aber vielleicht ergibt sich das ja beim nächsten Neuseeland-Trip.
Einen direkten Vergleich zu ziehen finde ich schwierig. Die Arbeiten sind einfach zu unterschiedlich. Ich denke aber, als deutscher Zimmerer kommt man in Neuseeland vermutlich besser zurecht als andersrum. Bei uns ist der Bau einfach komplexer, ob man nun unsere Neubauten oder das Thema Altbau, Denkmalschutz und ähnliches betrachtet. Leider habe ich in meiner Zeit keine Tricks und Kniffe gelernt, die ich in meiner Arbeit daheim mit einfließen lasse. Dennoch hat die Erfahrung meinen Horizont definitiv erweitert. Es war spannend zu sehen, wie dort unten gebaut wird und wie einzelne Dinge ausgeführt werden. Es gibt eben nicht nur den einen Ansatz, etwas zu machen. Nur weil es bei uns so üblich ist, ist es noch lange nicht die einzig richtige Möglichkeit.
Abschied
An meinem letzten Arbeitstag waren wir stolz auf das, was wir zusammen geschafft haben und sind fast ein wenig melancholisch geworden. Wir haben noch ein paar gemeinsame Bilder gemacht und sind dann das letzte Mal zusammen „nach Hause“ gefahren. An diesem Abend habe ich Miles zum Ausstand noch zum Essen eingeladen. Dass wir nach dem Abendessen nicht gleich heim sind, sondern noch bis spät in der Nacht um die Häuser gezogen sind, war euch bestimmt eh klar.
Am nächsten Tag hieß es dann Abschied nehmen. Ich hab mich von Miles verabschiedet und bin das letzte Mal mit meinem Hiace vom Hof der Farrants gefahren. Ein komisches Gefühl, da ich dabei nicht nur eine Station meiner Reise verlassen, sondern auch einen Freund zurückgelassen habe. Ich bin gespannt wann - und ob - wir uns jemals wiedersehen.
Ich hoffe, ich konnte euch in den drei Blogbeiträgen ein bisschen mit nach Neuseeland, zu Miles und auf die Baustelle dort nehmen. Ihr wisst jetzt ein bisschen besser wie es dort zugeht und vielleicht habt ihr ja auch Lust es euch selbst mal anzuschauen. Ich bin jedenfalls unendlich froh, die Erfahrung gemacht zu haben. Beim Schreiben dieser Beiträge habe ich mich gern noch einmal in diese Zeit zurückgeträumt.




































Moin Sebastian,
vielen Dank für, dass Du uns hast teilhaben lassen, an Deinen Erlebnissen. Diese zeigen für mich wieder einmal, wie wichtig es ist, hinaus in die Welt zu gehen, um seinen Arbeitshorizont als Zimmermann zu erweitern.
Jetzt sehe ich mir noch Teil 1 und 2 an.
Zünftiger Gruß Andreas