Fachthemen
Sebastian Praller
09.06.2026

Meine Arbeit in Neuseeland

Im letzten Beitrag hab ich euch bereits von mir, von Neuseeland, dem Baustil dort und auch davon, wie ich letztendlich an meinen Job gekommen bin, erzählt. Heute will ich euch von meinen Erlebnissen bei MF Builders erzählen. Was haben wir dort eigentlich die fünf Wochen über gemacht? Und wie war es als Builder bei den Kiwis?

Mein erster Arbeitstag

Die Nacht vor meinem ersten Arbeitstag habe ich an einem Freedom-Camping-Spot geschlafen, der möglichst nah an der Baustelle lag. Am nächsten Morgen habe ich mir in meinem Bus noch einen Kaffee gekocht und bin dann kurz nach Miles auf der Baustelle angekommen. Er war gerade dabei, den Bauzaun aufzuschließen, und begrüßte mich sehr freundlich. „Hey Bro, how’s it going?“ typisch neuseeländisch.

Damit ich ein Bild davon bekomme, worum es eigentlich geht, zeigte er mir zunächst die Baustelle. Ich war zwar in den vergangenen Jahren schon viel im Ausland unterwegs gewesen und spreche recht gut Englisch, aber mit den ganzen bauspezifischen Begriffen und Werkzeugnamen war es anfangs trotzdem schwierig. 

Zum Glück hat Miles keinen besonders ausgeprägten Kiwi-Akzent. Seine Eltern sind mit ihm nach Neuseeland ausgewandert, als er acht Jahre alt war, und dadurch hört man das britische Englisch noch deutlich durch.

Während er mir die Baustelle zeigte, haben wir über alles Mögliche geratscht und uns gleich gut verstanden. Ich war froh, bei Miles gelandet zu sein, und hatte sofort das Gefühl, dass wir eine gute Zeit zusammen haben würden.

 

MF Builders Ltd. und das Projekt

Das Haus ist ein Einfamilienhaus in Bungalowbauweise in einem Neubaugebiet. Viel Garten wird am Ende – wie hier üblich – nicht übrig bleiben. Dafür grenzt das Grundstück direkt an eine Kiwi-Plantage. Das fand ich schon ziemlich cool. Die Früchte, die man bei uns hauptsächlich aus dem Supermarkt kennt, wachsen hier praktisch direkt hinter dem Gartenzaun.

Miles hat das Grundstück selbst gekauft und baut das Haus in Eigenregie, um es anschließend schlüsselfertig zu verkaufen. Durch die Bauweise in Neuseeland kann ein Zimmerer dort tatsächlich einen Großteil der Arbeiten selbst ausführen. Deshalb werden Zimmerer hier oft eher als „Builder“ bezeichnet.

Bisher hatte Miles hauptsächlich kleinere Aufträge ausgeführt und einiges am Grundstück seiner Eltern gebaut. Entsprechend war er bei seinem ersten eigenen Hausprojekt durchaus aufgeregt und darauf bedacht, alles möglichst perfekt zu machen. Schließlich soll dieses Haus später sein Aushängeschild werden.

Das Team von MF Builders Ltd. bestand eigentlich nur aus Miles selbst. Bei einem Projekt dieser Größe sind aber nicht alle Arbeiten alleine zu bewältigen. Da hat er zum Glück einige Builder-Freunde, die bei Bedarf für ein paar Tage aushelfen.

Als ich ankam, stand bereits der komplette Holzständerbau. Da hab ich mich wirklich gewundert. Das Ständerwerk, das durch die 4,5 x 9 cm Riegel eh schon recht schwach dimensioniert war, stand bis vor kurzem noch als nacktes Skelett. Und das obwohl Trapezblechdach, Fenster und Türen schon fertig montiert waren! Inzwischen wurden die Außenwände aber mit einer Fassadenbahn geschlossen. Dadurch hatte man das Gefühl alles im Haus sei sicher, obwohl ein Cuttermesser zum einbrechen ausgereicht hätte. Hier merkt man bereits, dass die Reihenfolge der Arbeitsschritte in Neuseeland etwas anders ist als bei uns. 

Aktuell stand die Außenverschalung an – und genau dafür konnte Miles ein zweites Paar Hände gut gebrauchen.

 

Der Verschlag aus Spotted Gum

Mir sind bei unserem anfänglichen Rundgang schon die Bretter aufgefallen. Ganz übliches Holz ist das hier aber nicht, hab‘ ich mir gedacht.

Das Projekt sollte sich am Ende im gehobenen Segment bewegen und wird daher nicht mit den klassischen gestrichenen Weatherboards verkleidet.

Stattdessen arbeiteten wir mit zwei verschiedenen Nut-und-Feder-Brettern aus Spotted Gum. Dabei handelt es sich um ein australisches Hartholz. Unsere Bretter wurden sogar aus alten Strommasten aus dem australischen Outback hergestellt.

Die einen Bretter waren gehobelt und hatten einen mittleren Braunton. Sie wurden horizontal montiert und kamen unter anderem im Eingangsbereich zum Einsatz.

Die anderen Bretter waren deutlich dunkler, fast schwarz, und sägerau. Mit ihnen fertigten wir die stehende Verschalung, die den Großteil des Hauses bedecken sollte.

Spotted Gum ist extrem robust und wetterbeständig, allerdings auch deutlich anspruchsvoller zu verarbeiten. Das Hartholz kann kaum ohne Vorbohren montiert werden und daher bestand meine Hauptaufgabe darin, sämtliche Bretter vorzubereiten. Um ein gleichmäßiges Schraubenbild zu erlangen, musste ich jedes Brett genau anzeichnen und bohren. Und als wäre das nicht schon aufwendig genug gewesen, hatte sich Miles für spezielle Kupfernägel mit dekorativem Kopf entschieden. Jedes Brett musste also einzeln von Hand genagelt werden.

Die Kombination aus dem dunklen Hartholz und den Kupfernägeln sah am Ende allerdings wirklich stylisch aus und hat mir gut gefallen. Hier ist mir aber auch aufgefallen, dass Miles auch bei kleinen Details sehr penibel arbeitet. Am Ende hatten wir einen stylischen und makellosen Verschlag, die tägliche Quadratmeterleistung hielt sich allerdings in Grenzen.

Nach und nach wurden die Bretter, die in der Garage gelagert waren, jedoch immer weniger. Anfangs war Miles noch überzeugt, dass das Material reichen würde. Schließlich hatte der Lieferant das Haus selbst aufgemessen.

Je leerer die Garage wurde, desto skeptischer wurden wir allerdings. Am Ende verbrachten wir einen halben Tag damit, Bretter zu zählen, Längen nachzumessen und die verbleibenden Flächen erneut zu berechnen.

Das Ergebnis war eindeutig: Das Material würde niemals reichen.

Da es sich um ein sehr spezielles Produkt handelte, das zudem aus Australien geliefert werden musste, war Ersatz nicht so einfach zu beschaffen. Von Deutschland aus wirkt Australien fast wie der direkte Nachbar Neuseelands. Tatsächlich liegen aber immer noch rund drei Flugstunden dazwischen. Gleichzeitig ist Neuseeland aufgrund seiner geringen Bevölkerungszahl logistisch deutlich schlechter angebunden, als man es aus Europa gewohnt ist.

Zum Glück haben wir früh genug angefangen skeptisch zu werden und nachzurechnen. So konnten wir rechtzeitig nachbestellen und am Ende nahezu ohne Verzögerung weiterarbeiten.

 

Unser Baustellenalltag

Wenn das Wetter einmal schlechter war, haben wir uns anderen Aufgaben gewidmet. Mal bauten wir den Dachboden der Garage aus, mal hängten wir Decken für die spätere Gipskartonverkleidung ab. In Miles Werkstatt waren wir aber nie. Er hat nämlich gar keine! In Neuseeland ist es üblich, alles auf die Baustelle geliefert zu bekommen, und Zuschnitte, Anpassungen und Vorfertigung direkt dort vorzunehmen. Was mich auch überrascht hat, war etwas, das Miles erzählt hat als ich ihn gefragt habe ob er all sein Werkzeug gekauft hat als er sich selbstständig gemacht hat. Dort ist es wohl üblich, dass man als Angestellter ein Firmenauto gestellt bekommt aber für die Ausstattung selbst verantwortlich ist! Dadurch muss man beim Schritt in die Selbstständigkeit eigentlich nur noch umladen.

Oft habe ich auch einen Laser aufgestellt und die Holzständerwände kontrolliert. Da diese lediglich aus 4,5 x 9 cm starken Riegeln gebaut sind und längere Zeit der neuseeländischen Sonne ausgesetzt gewesen waren, hatten sich viele Ständer verzogen. Wie die Kiwis solche Wände wieder ausrichten, werde ich im nächsten Beitrag genauer erklären. Da könnt ihr auf jeden Fall gespannt sein.

Meist waren wir gegen sieben Uhr auf der Baustelle und haben bis etwa fünf Uhr nachmittags gearbeitet. Um neun Uhr haben wir immer eine kurze Pause gemacht. Was bei uns Brotzeit oder Frühstückspause heißt, nennt sich in Neuseeland „Smoko“. Geraucht haben wir zwar nicht, aber uns kurz auf ein kleines Frühstück zusammengesetzt. 

Mittags haben wir dann etwas länger Pause gemacht. Entweder haben wir uns irgendwo was geholt oder was auf der Baustelle warm gemacht. Miles hatte eine Mikrowelle und einen Kontaktgrill da, was mega praktisch war! Oft hab ich an meinem Van dann noch Kaffee gekocht damit wir fit für den Nachmittag waren.

Wie daheim durfte der Radio auf der Baustelle nicht fehlen. Wir haben immer den örtlichen Radio, Tauranga X, laufen gehabt. Auch bei der Musik hatten wir ähnlichen Geschmack und es gemeinsam gefeiert, wenn ein guter Song kam. Manchmal streame ich Tauranga X heute noch, wenn mich das Fernweh packt. 

So wie Radio gehören auch dumme Sprüche auf eine Baustelle und das ist in Neuseeland auch nicht anders. Nachdem Miles, das erste Mal meinte „You couldn’t see it from my house!“ als wir über etwas diskutiert haben, haben wir immer öfter deutsche und kiwi-Sprüche ausgetauscht.

Als für zwei Tage der Heizungsbauer auf der Baustelle war, ist mir auch richtig aufgefallen wie anders die Handwerker hier sind. Mir fiel auf, dass die verschiedenen Gewerke deutlich lockerer miteinander umgehen. Während auf deutschen Baustellen oft lange über technische Details diskutiert wird, standen hier meist Autos, Surfen oder das Wochenende im Mittelpunkt. Trotzdem funktionierte die Zusammenarbeit erstaunlich unkompliziert.

 

Leben außerhalb der Baustelle

Ich hatte wirklich großes Glück, bei Miles Farrant gelandet zu sein.

Nicht nur, dass wir uns von Anfang an so gut verstanden haben. Schon nach drei Tagen hat er mir angeboten, bei ihm auf dem Grundstück seiner Eltern zu übernachten. Seine Eltern waren gerade für mehrere Wochen in England, und deshalb war das überhaupt kein Problem.

Miles wohnte in einer Einliegerwohnung im Haus seiner Eltern. Es war wirklich ein großes Haus und ein riesiges Grundstück. Dort merkt man schon, dass in Neuseeland einfach deutlich mehr Platz ist als bei uns.

Da wir uns so gut verstanden, wurde es schnell zur Gewohnheit, dass ich jeden Abend meinen Camper bei ihm parkte. Auf dem Heimweg gingen wir meistens noch gemeinsam einkaufen und kochten später zusammen.

Und natürlich durfte nach einem langen Arbeitstag auch der obligatorische Stopp beim Liquor Store für ein paar „Cold Ones“ nicht fehlen. Die guten Hazy IPAs von Panhead vermisse ich manchmal noch.

Damit war die Abendplanung meist gesetzt: kochen, essen, Bierchen, noch ein wenig zusammensitzen und anschließend relativ zeitig ins Bett.

Morgens hat Miles mir meistens gerufen, wenn er die Tür aufgesperrt hat und ich bin rein auf einen gemeinsamen Kaffee. Es hat schon etwas, wenn man jeden Morgen von seinem Chef mit einem herzlichen „Good Morning, my brother from another mother“ begrüßt wird. Kiwi-typisch war auch da schon mindestens einmal das F-Wort dabei.

An den Wochenenden blieb ich entweder bei Miles oder hab kleinere Ausflüge gemacht.

Wenn ich bei ihm blieb, kamen häufig Freunde vorbei und wir verbrachten gemeinsam eine gute Zeit. Meine Ausflüge führten mich dagegen eher ins Landesinnere – zu den heißen Quellen und Māori-Dörfern rund um Rotorua oder ich hab Sam und Frodo in Hobbiton besucht.

 

Was mir aus dieser Zeit besonders hängen geblieben ist

Während ich diesen Beitrag geschrieben habe, wurde mir erst wieder bewusst, wie viel Glück ich mit Miles hatte und was für eine besondere Zeit das eigentlich war.

Allein die Vorstellung, die fünf Wochen stattdessen auf irgendwelchen dunklen Parkplätzen verbracht zu haben. Stattdessen wurde ich praktisch in seine Freundesgruppe aufgenommen, hatte jeden Tag Spaß bei der Arbeit und bekam einen Einblick in das Leben der Kiwis, den man als gewöhnlicher Tourist vermutlich nie erhalten hätte.

Natürlich war die Zeit als Kiwi Builder auch für mich als Zimmerer wertvoll. Ich finde es so wichtig, andere Arbeitsweisen kennenzulernen und nicht nur dem Motto zu folgen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Genau darauf möchte ich im nächsten Beitrag genauer eingehen. Was sind eigentlich die größten Unterschiede zwischen der Zimmerei im weit entfernten Neuseeland und in Good Old Germany? Welche Dinge machen die Kiwis vielleicht besser – und wo sind wir Deutschen ihnen doch noch ein Stück voraus? 

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8 Kommentare
Rikkert
24.07.2026

Sehr spannend 👍

Noah
01.07.2026

Echt schön und ausführlich geschrieben :)

Zudem sehr interessant wie es teils anders abläuft als hier bei uns und was da teils so zu berücksichtigen ist.

Ich hab mir auch schon Gedanken drüber gemacht mal ein Auslandsjahr quasi in Neuseeland zu machen. Dem Bericht nach ist es wohl zu empfehlen.

Sebastian Praller
01.07.2026

Danke!Ist auf jeden Fall zu empfehlen und mit dem Working Holiday Visa auch gut machbar :)

Noah
02.07.2026

Ja cool. Muss ich mich mal reinfuchsen. Teils gibt es ja auch neuseeländische Formen die das extra anbieten mit quasi nem Arbeitsvertrag für ein halbes Jahr und Hilfe mit der ganzen orga. Zumindest habe ich das so mal gehört…

Viking
17.06.2026

Sehr interessanter Beitrag, bin sehr gespannt wie es weitergeht. 

Zünftige Grüße 

Benni
16.06.2026

Guten Morgen und vielen Dank für diesen Einblick und den sehr liebevoll und ausführlich geschriebenen Beitrag! Liest sich echt schön... da bekomme ich irgendwie etwas Fernweh und hab Lust, mal wieder raus zu kommen.. Klingt nach einer echt guten Zeit!

Manuel Vogel
14.06.2026

Sehr geiler Beitrag, danke

Auriol Djoussi
11.06.2026

Das finde ich schön 😊 

Viel Mut!

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