Warum sieht man in Bayern so selten Kluft?
Das bedeutet allerdings keineswegs, dass bayrische Zimmerer weniger stolz auf ihr Handwerk
wären als ihre Kollegen im Rest Deutschlands. Die Gründe schauen wir uns im Weiteren
genauer an, denn sie liegen tiefer und haben historische, wirtschaftliche und kulturelle
Ursachen.
Darüber hinaus lohnt sich ein Blick darauf, warum es Unterschiede zwischen Altbayern
(Oberpfalz sowie Ober- und Niederbayern), Franken und bayrisch Schwaben gibt. Außerdem
stellt sich die Frage, wie sich das Verhältnis zur Kluft aktuell entwickelt.
Die Rolle der Walz
Ein zentraler Faktor für die Sichtbarkeit der Kluft ist die Bedeutung der Walz in der
jeweiligen Region. In Nordrhein-Westfalen oder Norddeutschland ist die Wanderschaft bis
heute stark im Handwerk verankert. Dort existieren gewachsene Strukturen, funktionierende
Netzwerke und ein regelmäßiger Austausch unter Gesellen. Die Kluft bleibt dadurch im
Alltag präsent.
In weiten Teilen Bayerns sieht das anders aus. Die Walz existiert zwar auch hier, prägt das
regionale Handwerk jedoch deutlich weniger. Das hängt vermutlich mit der historischen
Entwicklung Bayerns zusammen. Als vergleichsweise geschlossenes Territorium mit früher
staatlicher Ordnung und stabiler Binnenwirtschaft bestand für viele Handwerker weniger
Notwendigkeit, in die Fremde zu ziehen. In Regionen mit stärkerem Handel, dichterem
Verkehrsnetz oder häufig wechselnden Herrschaftsgebieten war die Mobilität traditionell
größer – und damit auch die Bedeutung der Wanderschaft.
Ein Blick nach Österreich zeigt eine ähnliche Entwicklung. Dort sind Kluft und klassische
Zunfttraditionen heute noch seltener anzutreffen als in Bayern. Die kulturelle Nähe dürfte
diesen Einfluss zusätzlich verstärkt haben.
Interessant ist dagegen der Vergleich Altbayerns mit dem Allgäu beziehungsweise bayrisch
Schwaben und Franken. Hier ist die Kluft sichtbarer und die Wanderschaft stärker im
Bewusstsein der Handwerker verankert. Durch die Grenznähe macht sich der Einfluss aus den
benachbarten Ländern bemerkbar. Denn auch in Baden-Württemberg hat die Kluft eine
größere Bedeutung.
Die Struktur bayrischer Zimmereien
Auch die Struktur vieler bayrischer Zimmereien spielt eine Rolle. Neben den großen, modern
organisierten Betrieben gibt es viele kleine Familienbetriebe. In vielen dieser Betriebe steht
die regionale Identität häufig stärker im Vordergrund als die Zugehörigkeit zu einer
überregionalen Zunftkultur.
Viele Zimmerer und Zimmereien entstammen der familiären Landwirtschaft und sind eng mit
dieser verbunden. Durch diese Verbindung und teilweise den Betrieb der Landwirtschaft im
Nebenerwerb versteht man sich häufig weniger als Teil eines traditionellen Zimmererstandes,
sondern vielmehr als regional verwurzelter Handwerker. Daher ist es auch naheliegend, dass
die Kluft seltener sichtbar getragen wird.
Das kulturelle Umfeld
Bayern besitzt zwar eine starke Traditionskultur, diese speist sich jedoch weniger aus dem
Handwerk als aus Brauchtum, Vereinen und Tracht. Über die letzten Jahrzehnte haben
Lederhose und Dirndl einen starken Einzug in den bayrischen Alltag gefunden. Die Tracht
gehört dazu und wird immer öfter zu unterschiedlichsten Anlässen getragen. Sie ist das
allgemein übliche Festtagsoutfit.
Dadurch hat es die handwerkliche Tradition schwerer, im Alltag sichtbar zu bleiben. In
Bayern sieht man daher häufiger Zimmerer mit Trachtenhut als mit Schlapphut.
Moderne Baustellen verändern die Kluftkultur
Hinzu kommt ein Wandel, der nicht nur Bayern betrifft, sondern das gesamte Handwerk. Die
moderne Baustelle unterscheidet sich heute stark von der Baustelle früherer Generationen.
Sicherheitsvorschriften, spezialisierte Arbeitskleidung, Wetterschutz und ein einheitliches
Firmenauftreten spielen mittlerweile eine deutlich größere Rolle als traditionelle Kleidung.
Vor allem größere Betriebe setzen auf funktionale Arbeitskleidung mit hoher Sichtbarkeit,
speziellen Materialien und klaren Sicherheitsstandards. Die klassische Kluft kann dabei im
Arbeitsalltag unpraktisch wirken oder schlicht nicht mehr den Anforderungen moderner
Baustellen entsprechen. Dadurch verliert sie vielerorts ihre ursprüngliche Funktion als
selbstverständliche Arbeitskleidung und wird zunehmend zu Kleidung für besondere Anlässe
oder bewusste Traditionspflege.
Die Rolle von Vorbildern
Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Kluftkultur im gesamten DACH-Raum beeinflusst, ist
die Frage, wie die Kluft von Vorbildern gelebt wird.
Zu diesen Vorbildern zählen zum einen die Lehrer. Dabei ist das Bildungszentrum Holzbau in
Biberach, Baden-Württemberg, ein sehr gutes Beispiel. Hier wird durch die Lehrenden
vorgelebt, dass Kluft zum Holzbau und auch zum Alltag gehört. Durch dieses Leitbild ziehen
auch die nachkommenden Zimmerergenerationen mit. Ebenso strahlt das Bildungszentrum
mindestens deutschlandweit aus, dass Kluft auch heute noch mit Stolz getragen wird.
Zum anderen zählen zu den Vorbildern natürlich auch die Zimmerer, die unser Handwerk auf
verschiedenen Social-Media-Kanälen präsentieren. Hier ist es ganz selbstverständlich, dass
Kluft getragen wird. Ein schöneres Alleinstellungsmerkmal gibt es kaum. Und mit dem
positiven Bild, das die Influencer vermitteln, bringen sie die Kluft auch in den modernen
Alltag zurück.
Ist die Kluft aus Bayern verschwunden?
Ganz verschwunden ist die Kluft in Bayern jedoch keineswegs. Auch dort gibt es Kollegen,
die bewusst Kluft tragen – sei es vollständig oder in abgespeckter Form. Gerade weil sie nicht
selbstverständlich ist, wird sie oft als bewusste Entscheidung verstanden.
Auch beim größten Volksfest der Welt und Markenzeichen Bayerns, dem Oktoberfest, ist
Kluft vertreten. Beim Einzug der Vereine auf dem Oktoberfest ist die Münchner Zimmerer-
Innung jedes Jahr in Kluft vertreten.
Auch der Zimmerer-Jahrtag in Bad Tölz zeigt, dass zünftige Traditionen selbst im tiefsten
Oberbayern weiterhin gepflegt werden.
Und natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel: Manche Betriebe, etwa die Münchner
Zimmerei Frank, präsentieren sich in Kluft und zeigen, dass Tradition und modernes
Handwerk sich keineswegs ausschließen müssen.
In Bayern sieht man viel zimmermannsmäßigen Holzbau, den Erhalt traditioneller Bauweisen
und allgemein ein großes Traditionsbewusstsein. Dieses speist sich jedoch weniger aus der
Zunftkultur als vielmehr aus regionalen Traditionen und lokaler Identität. Genau deshalb ist
auch die Kluft hier deutlich weniger präsent als in vielen anderen Teilen Deutschlands.
Aktuell kann man jedoch auch einen Wandel erkennen. Kluft ist deutschlandweit im Alltag
immer präsenter, und so kann man gespannt in die Zukunft blicken. Vielleicht erkennt man in
ein paar Jahren innerhalb Deutschlands schon gar keinen Unterschied mehr.
Wie haltet ihr es – arbeitet ihr in Kluft?














Ein sehr schöner Beitrag
Sehr schöner Beitrag ;-)
Vielen Dank! :)
Sehr stimmiger Beitrag. Man muss dazusagen, dass auch die bayerische Tracht bis vor ca. 15 Jahren noch kaum eine Rolle im Kleiderschrank der jungen Generationen (Wie mir) gespielt hat. Kluft wurde zu meiner Ausbildungszeit (um 2010) kaum getragen In meinem Ausbildungsbetrieb (Bei Freising) sieht man sehr gut, wie sich das alles gewandelt hat. Wir haben noch immer Kontakt und mittlerweile hat er wieder eine gesunde Größe von ca. 10 Angestellten. Die meisten tragen Hose und Leibchen täglich bei der Arbeit, auch weil die Kleidung durch die Firma mittlerweile gestellt wird. Der Auftritt wird durch Jacken und Shirts mit Firmenlogo kombiniert und natürlich steht es den Angestellten frei auch eine Funktionshose der bekannten Marke mit dem Vogel zu tragen. Auch zwei Damen finden sich dort aktuell, das nur nebenbei erwähnt. ;)
Vielen Dank! 😊
Die Kluft gibt auch nochmal ein anderes Bild des Betriebs💪