Als Zimmerer nach Neuseeland
Bevor ich von meinen Erfahrungen bei den Kiwis, so nennen sich die Neuseeländer, erzähle, möchte ich euch erst mal darüber ins Bild bringen, wer ich bin, wie es zu der Reise kam und wie es am Bau dort unten so läuft.
Überblick
Ich bin der Sebastian, oder einfach Basti, im Englischen auch Seb oder im ganz bayrischen Waschtl.
Ich arbeite schon über 10 Jahre im Handwerk, lange aber nur nebenberuflich. Zunächst habe ich eine Karriere als Wirtschaftsingenieur angestrebt.
Nach fünf Jahren Studium - Bachelor hat bissl gedauert - und 2 Jahren als Prozessingenieur habe ich mich entschieden alldem erstmal den Rücken zu kehren. Ich wollte von da an dem nachzugehen was mir all die Jahre eh schon am meisten Spaß gemacht hat: dem Zimmern.
Zum Glück konnte ich bereits zwischen Studium und erster Ingenieursstelle meine Gesellenprüfung ablegen. Dadurch war der Schritt ins Handwerk um einiges leichter. Ich habe mich dagegen entschieden auf die Walz zu gehen und nachdem ich ein halbes Jahr bei verschiedenen Zimmereien gearbeitet und etwas Geld angespart hatte stand der Reise nichts mehr im Weg.
Die Reise beginnt
Für mich ging es im Januar 2024 mit dem Work&Travel Visum nach Auckland, Neuseeland. Ein paar Tage nach meiner Ankunft habe ich mir einen 1991er Toyota Hiace mit 2,8l Dieselmotor, Wohnmobileinrichtung, Aufstelldach und Markise gekauft. Und das sollte für die nächsten Monate mein Daheim sein.
Da ich den Sommer zum Reisen und den Herbst zum Arbeiten nutzen wollte bin ich zunächst drei Monate lang jeden Winkel der beiden Inseln abgefahren. Und ich muss wirklich sagen, Neuseeland ist ein unfassbar schönes Land! Die Natur ist einfach atemberaubend. Das Land besteht aus zwei Inseln. Sie werden pragmatisch Nord- und Südinsel genannt. Auf der Südinsel findet man ein Gebirge, das pragmatisch „Southern Alps“ genannt wird. Und dort hat es mich auch oft an meine Heimat erinnert. Die Nordinsel hingegen ist sehr tropisch, erinnert teils an Hawaii und man findet hier auch einige Vulkane.
Die Jobsuche vor Ort
Nach meiner Rundreise ging es von der Südinsel langsam zurück Richtung Norden, nach Tauranga.
Hier hatte ich den Kontakt von einem Zimmerer über einen Neuseeländer, den ich auf der Reise kennenlernte. Und passenderweise war das auch einer meiner Lieblingsorte der Reise.
Leider musste ich mal wieder feststellen, dass in anderen Kulturen ein Wort nicht so viel zählt wie in Deutschland. Der Herr, von dem ich den Kontakt hatte meinte sein Zimmerer brauche auf jeden Fall Unterstützung und ich könne dort auf jeden Fall ein paar Wochen arbeiten. Ja… das war leider nicht so. Unter Zugzwang habe ich dann einige Zimmereien angerufen und bin alle Baustellen in der Gegend abgefahren und habe dort nach Arbeit gefragt.
Eine Absage nach der Anderen. Niemand konnte aktuell jemanden brauchen. Als ich langsam angefangen habe die Hoffnung zu verlieren habe ich von einem Zimmerer eine Nummer von einem anderen Zimmerer bekommen. Er konnte mich zwar auch nicht brauchen, hat mir wieder eine Nummer gegeben.
Und da hatte ich endlich Glück! Miles Farrant von MF Builders konnte Unterstützung brauchen. Er hatte aktuell ein Projekt bei dem er hinter dem Zeitplan liegt und ein zweites Paar Hände gut gebrauchen könnte. Wir haben uns gleich gut verstanden und für den kommenden Montag auf der Baustelle verabredet.
Der Baustil in Neuseeland
Das stark unterschiedliche Klima auf den beiden Inseln spiegelt sich auch in der Bauweise wider:
- Nordinsel: Fokus auf Belüftung, Feuchteschutz und Verschattung
- Südinsel: stärkere Gewichtung von Wärmedämmung, Schneelasten und Heizung
Ein zentraler Einflussfaktor auf beiden Inseln ist das hohe Erdbebenrisiko. Entsprechend dominiert der Holzrahmenbau (Timber Frame Construction). Massive Bauweisen kommen nur regional und eingeschränkt zum Einsatz.
In den wenigen Städten findet man zweistöckige Häuser, doch allgemein dominiert die Bungalowbauweise. Auch wenn sich der Baustil über die letzten 150 Jahre stetig geändert und immer von der wirtschaftlichen Situation bestimmt war, sei es der Goldrausch, Krieg oder der Bau der Eisenbahn, herrscht in meinen Augen ein typisches Bild vor. Ein Bungalow, teils mit ausgefallenen Dachformen und weiß oder bunt gestrichene Wetterschlag-Beplankung (Weatherboards) der Holzständerwände. Dazu findet ihr im Beitrag ein paar Bilder der verschiedenen Haustypen.
Inzwischen sieht man aber auch mehr und mehr moderne Häuser in Neuseeland. Diese sind meiner Meinung nach ausgefallener als in Deutschland. Teils sind es modern interpretierte Versionen des klassischen Bungalows, teils moderne Wohnungen in einer Art Halle mit Trapezblechdach und Wänden (Shed House) und teils auch für sich stehende architektonisch spannende Gebäude. Um es sich besser vorstellen zu können habe ich zum Shed House auch eine Innenansicht beigefügt.
Die Baubranche in Neuseeland
Der Bau in Neuseeland ist durch den Building Code und Building Consent organisiert. Ersteres ist der Standard, dem jeder Bau genügen muss. Hier findet man Regeln zu Konstruktion, Feuchtigkeitsregelung, Isolierung und Energieeffizienz, Installation und Abwasser.
Zweiteres ist die Baugenehmigung. Die Pläne müssen alle die Standards des Building Codes erfüllen, was auch während der Bauphase kontrolliert wird. Ist der Bau entsprechend fertiggestellt, erhält man das Code Compliance Certificate (CCC).
Um die Gebäude auch entsprechend dieser Standards bauen zu können durchlaufen die Zimmerer eine Ausbildung, an deren Ende sie als Certified Carpenter gelten.
Building Code und Co. klingt ja schonmal sehr gut, allerdings ist schon eine ganz andere Welt als hier bei uns. Zum einen findet man durchaus auch ungelernte Kräfte und Bauarbeiter, die es einfach nicht so genau nehmen. Und zum anderen sind auch wenn alles ganz genau gemacht wird die neuseeländischen Standards von unseren noch weit entfernt. Ein Haus in Holzständerbauweise nur aus 4,5 x 9 cm Riegeln zu errichten und diese dann außen einfach mit Brettern und innen mit einer Lage 10 mm starkem Gipskarton zu beplanken ist für uns schon etwas wild.
Ausblick
Jetzt habt ihr mich schon ein bisschen kennengelernt, wisst ein bisschen mehr über Neuseeland, die dortige Bauweise und wie ich zu meinem Job gekommen bin.
In meinem nächsten Beitrag werde ich euch mit auf die Baustelle nehmen und von meiner Arbeit und meinen Erlebnissen auf der Baustelle bei Miles in Pyes Pa, New Zealand berichten.
Hattet ihr bisher schon ein Bild vom Bau in Neuseeland oder war das alles neu für euch?




































Krasse Sache 🔥
Ich war 2011 zur Rugby WM dort und hatte auch nebenbei als Zimmermann gearbeitet, im Feb. war ja das schwere Erdbeben in Chritchurch und damals hatten sie Dich mit kusshand genommen, mein "Chef" hatte damals gesagt wenn Du arbeiten willst dann komm und wenn Du Surfern willst dann komm einfach morgen 😉🤣 die waren alle cool drauf, was mir auch aufgefallen ist fast alle Schrauben hatten nicht den Schlitz und Torxkopf sondern diesen Vierkanntkopf ist das heute auch noch so??? Grüße nach Aotearoa
Das glaub ich gern! Als ich da war hat man vom Erdbeben echt gar nichts mehr gemerkt.Die Kiwis sind schon gut drauf 😄
Ja, die Vierkantkopf-Schrauben haben sie immer noch! Viiiiiiel besser als zb. Kreuz. Aber ich fand, dass sich da oft der Bit verklemmt…
Das ist doch mal eine entspannte Einstellung! 😅😎
Wow! Vielen Dank!
Vielen Dank für den tollen Einblick!
Wir sind gespannt auf den nächsten Beitrag! 💪