Junger Zimmerer aus Oberbayern geht auf die Walz
Drei Jahre und ein Tag ohne Heimat: Zimmerer Moritz Griebel (22) aus Zolling im Landkreis Freising (Oberbayern) sagt Lebewohl und bricht auf zur Walz.
Ein junger Mann aus meinem Nachbardorf wagt die große Reise. Nachstehend der Bericht aus der lokalen Presse. Ich bin sehr stolz auf den jungen, dass er sich das traut und diese Tradition erhält. Ob es heute schwerer ist, als damals kann ich nicht beurteilen, es ist vermutlich einfach anders. De Herausforderungen haben sich verändert, das Handwerk selbst hat sich verändert, die Welt dreht sich eben weiter. Moritz entschleunigt sich da bewusst selbst ein wenig. :)
Zolling – Ein Löffel für ein Loch von 80 Zentimetern Tiefe.
Zimmerer Moritz Griebel kniet im Kies am Zollinger Ortsschild, die Zunfthose staubig, die Sonne noch hinter Wolken verborgen. Um ihn herum stehen mehr als 50 Menschen – Freunde aus der Feuerwehr, der Wasserwacht, und der Leichtathletik. Sie singen Abschiedslieder aus alten Zeiten, während er mit dem viel zu kleinen Besteck im harten Boden schabt. Seine Begleiter – drei Männer, drei Frauen aus dem Holzgewerbe – schauen zunächst ungerührt zu. „So fängt’s halt an“, ruft einer und grinst. Es ist Punkt zwölf Uhr mittags an der Flitzinger Straße. Am Abend zuvor war Abschiedsparty, Moritz kam erst um eins ins Bett. Jetzt wird es ernst. In eine Glasflasche wandern die aufgeschriebenen Wünsche der Freunde. Die Flasche darf das Ortsschild nicht überschreiten. Also muss sie hier vergraben werden – eine Körperlänge vom Schild entfernt. Wenn der junge Mann in drei Jahren und einem Tag zurückkehrt, wird er sie wieder ausbuddeln.
Zwischen Bannmeile und Handyverbot
Mindestens drei Jahre und einen Tag dauert die Walz. Warum dieser eine Tag mehr? „Weil es etwas Mystisches hat“, sagt Moritz Kretschmar ein paar Tage vorher im Gespräch mit dem Tagblatt. Der 32-Jährige ist seit einem Jahr und zwei Monaten auf der Walz und wird Griebel als Pate begleiten. Beide Burschen sind Zimmerer. „Es ist eine sehr wegweisende Entscheidung“, sagt Kretschmar. „Wenn du losgehst, dann richtig.“
Die Walz, die traditionelle Wanderschaft der Handwerksgesellen, ist in allen Gewerken möglich, bei den Zimmerern allerdings bis heute am verbreitetsten. Wer sich ihr anschließt, verpflichtet sich zu klaren Regeln: Die Bannmeile von 50 Kilometern um den Heimatort ist tabu – außer in Ausnahmefällen wie einem Trauerfall. Dazu in der ersten Zeit Kontaktsperre zu allen, die man kennt. Kein Handy. Kein Geld für Unterkunft oder Fortbewegung ausgeben – auch wenn theoretisch jedes Verkehrsmittel erlaubt ist, sogar ein Flugzeug. Manche lassen sich vom Arbeitgeber statt Lohn ein Ticket bezahlen, andere heuern auf Schiffen an.
Ein Stofftier ist die „heiße Empfehlung“
Inzwischen hat Moritz eine Schaufel bekommen. Sein Vater Stephan Griebel hilft mit dem Spaten nach. 80 Zentimeter müssen es sein. Um nachzumessen, packen die Gesellen Moritz an den Beinen und halten ihn kopfüber ins Loch. Bis zur Gürtellinie verschwindet er. Gelächter, Applaus. Die Tiefe stimmt. Die Flasche wird versiegelt und ins Loch gelegt.
„Mir ist die Entscheidung zur Walz relativ leicht gefallen“, sagt der 22-Jährige später. Während seiner Ausbildung bei einer Zimmerei in Inkofen habe er sich mit dem Gedanken getragen, Kontakte geknüpft, auch über Online-Foren. Selbst traditionelle Schächte sind heute digital präsent. „Ich freue mich sehr auf diese Zeit, weil es eine Riesenfreiheit bedeutet. Sich treiben zu lassen, von Tag zu Tag zu leben, selbst zu entscheiden, ob ich arbeite oder nicht.“ Er will Osteuropa sehen, Skandinavien. Fremde Menschen, andere Kulturen. „Durch das Handwerk mit der Tradition verbunden zu sein, fühlt sich für mich gut an.“
Zur Tradition gehört die Kluft: schwarze Zunfthose, weiße Staude (Hemd), Weste, Jackett, der Hut – der „Deckel“ – und der Stenz, der Wanderstock. Das Gepäck trägt der Geselle im „Charly“, einem Tuch, in das alles eingeschlagen wird. Mehr als zehn Kilo sollen es nicht sein. „Ein Kuscheltier ist eine heiße Empfehlung“, sagt Kretschmar und lacht. „Etwas, womit du dir deinen eigenen Raum schaffen kannst.“ In seinem Charly reist ein kleiner Hund aus Stoff.
Kretschmar weiß, wovon er spricht. „Ich mag vor allem die Zeit, in der ich zu Fuß unterwegs bin“, erzählt er. „Es gibt immer wieder schöne Begegnungen, wenn man bei fremden Leuten unterkommt.“ Besonders schätzt er Einladungen von Familien, bei denen er übernachten darf. „Ich achte darauf, authentisch zu sein, ich selbst zu sein, Spaß am Spontanen zu haben.“ Am Anfang hat ihm die Schlafplatzsuche Sorgen gemacht. „Aber mit der Zeit gewinnt man Vertrauen, Gelassenheit. Dass sich immer was ergeben wird.“
Moritz nickt, dann rutscht er vom Schild
Arbeiten die Gesellen auf der Walz, können sie sich bei einem längeren Engagement von Betrieben regulär anmelden lassen. Möglich ist es aber auch, über ein sogenanntes Reisegewerbe tätig zu sein. Die Gesellen schreiben dann Rechnungen, ohne fest angestellt zu sein oder angemeldet werden zu müssen. Kretschmar bleibt oft für zwei bis drei Wochen bei einem Betrieb. Einmal waren es nur drei Tage, manchmal sechs Wochen.
Verspürt er Heimweh? „Nicht wirklich. Aber es ist manchmal schwer, für sich zu sein. Es gibt wenig Rückzugsraum. Wenn man Glück hat, kann man mal die Zimmertür zumachen. Es gibt Zeiten, in denen ich mich sozial überladen fühle.“ Der Gewinn überwiege: „Man lernt, auf Leute zuzugehen, allein Entscheidungen zu treffen. Und über Probleme zu lachen. Diese Fähigkeit möchte ich mir bewahren – mit Freude auf spontane Veränderungen einzugehen.“
Zurück am Ortsschild. Moritz verabschiedet sich von jedem Einzelnen, zuletzt von seinen Eltern. Sie kämpfen mit den Gefühlen, die Augen sind feucht. Freunde hieven den 22-Jährigen per Räuberleiter auf das Schild. Er sitzt oben, schaut über die vertrauten Dächer seines Heimatortes. 1097 Tage wird er sie nicht sehen, wenn alles nach Plan läuft. Da reißt die Wolkendecke auf, die Sonne kommt heraus.
Moritz nickt, wirft seinen Charly hinunter zu den Wartenden. Dann rutscht er vom Schild, wird von seinen Wandergefährten aufgefangen. Seine Eltern laufen noch ein paar Meter hinterher, wollen ihn nicht aus dem Blick verlieren. Doch er blickt nicht mehr zurück. Darf es nicht. Vor Moritz liegt nun die Bannmeile, 50 Kilometer Abstand von allem Vertrauten. Hinter ihm eine vergrabene Flasche voller Wünsche. Ins Ungewisse geht er. Und in eine Freiheit, die ihm Glück bringen soll.
Vielleicht führt sein Weg ja durch die ein oder andere Firma hier. Falls es so ist, nehmt ihn mit, helft ihm, lasst ihn arbeiten, lernen und erleben. Ein super Kerl, der eine einmalige Chance wahrnimmt.
Wie steht ihr zur Walz? Funktioniert das in unserer modernen, schnelllebigen Welt überhaupt noch, oder ist sie das beste, was man nach der Lehre machen kann? Oder ist es etwas dazwischen?
Link zum nachlesen: (Muss kopiert werden, Verlinkung nicht möglich)
https://www.merkur.de/lokales/freising/zolling-ort377209/moritz-griebel-aus-zolling-startet-seine-walz-in-die-freiheit-94248737.html








Gute Wege und tolle Erlebnisse
Fixe Tippelei !!
Gute Reise lieber Moritz! 😎
Sei zünftig und vernünftig!
respekt!
Fixe Tippelei!🤝🎩
Fixe Tibbelei
Auf Auf ;)
Gute Reise Moritz! 💪