Handabbund und französische Schlösser – Andreas Beck berichtet von der Restaurierung der Kathedrale von Notre Dame
Einladung auf die Baustelle
Am 15. Dezember 2023 war es so weit – Andreas Beck, Georg Göppel, ein weiterer Kollege und ein Dolmetscher durften hinter die Absperrungen und sich die Baustelle von Notre Dame anschauen. Patrick Jouenne hatte sie eingeladen. „Er ist ein ganz nahbarer Zimmerermeister, aber in meinen Augen der weltbeste, den es überhaupt gibt“, betont Beck. „Er hat gelebt für diese Baustelle und vor allem für diesen Turm“. Der Grundriss des Vierungsturms sei extrem kompliziert, über einen Meter verschoben, nichts sei im Winkel, dazu kommen Fensterbögen mit Zierwerk. „Da kann man keine zwei gleichen Teile machen“, sagt Beck. Die meisten der tausenden Details habe Jouenne im Kopf gehabt. „Wir haben das bei einem Telefonat miterlebt“, so Beck. Ein Anrufer habe eine komplexe Frage zu einem Detail gestellt und Jouenne habe direkt eine Antwort gewusst, ohne in den Plan schauen zu müssen.
4,5 Stunden voller unvergesslicher Eindrücke
4,5 Stunden lang war die kleine Gruppe auf dem Gerüst von Notre Dame unterwegs. „Wir haben das als Dankeschön für unsere Idee empfunden“, sagt Beck. „Es wird uns manchmal heute erst bewusst, was das für eine große Ehre war“.
Neben dem Vierungsturm wollten Beck und seine Kollegen auch den mittelalterlichen Teil der Kathedrale sehen. Das habe Jouenne zunächst gar nicht so recht verstanden, da das Langhaus und der Chor ja verhältnismäßig einfach gewesen seien beim Abbund. Dabei werde der Dachstuhl auch „der Wald“ genannt. „Wenn man drinsteht, sieht man nur Bäume“, so Beck.
Eine Woche nach Anbringung der Kreuzspitze
Der Besuch der Gruppe aus Biberach fand eine Woche nach der Anbringung der Kreuzspitze auf dem Vierungsturm mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron statt. Jouenne habe der Gruppe erzählt, dass er wusste, er müsse den Turm bis Ende November fertigstellen. Ihm war es wichtig, dass trotz Zeitdruck die Qualität am Ende überzeugt.
Echte Handarbeit
Was Andreas Beck und seinen Kollegen sowohl in der Abbundhalle bei Metz als auch direkt auf der Baustelle von Notre Dame auffiel, war die reine Handarbeit, mit der die Kathedrale wieder aufgebaut wurde. „Man hätte nicht mit Standard-CNC-Fräsen arbeiten können“, ist Beck überzeugt. Da die Hölzer weder rechtwinklig noch gerade sind, war ein reiner Handabbund nötig. „Im Dach sind keine Leimbinder verbaut, das ist alles einfach gesägtes Eichenholz“, so Beck. Zudem erscheint es unvorstellbar die riesigen Balken – der schwerste hatte ein Gewicht von etwa 12 Tonnen – auf eine Abbund-Anlage zu bringen.
Somit musste alles über einen 1:1-Aufriss bearbeitet werden. Der Aufriss des Vierungsturms sei in der Halle bei Metz tatsächlich möglich gewesen. „Der Boden war mit Sperrholzplatten ausgelegt und darauf war der Aufriss. „Dort wurde ganz klassisch abgebunden, so wie wir es unter anderem am Bildungszentrum Holzbau in Biberach den Auszubildendenbeibringen“, sagt Beck.
Piquage
Eine spezielles Anreißverfahren, dass Andreas Beck bis dahin nicht gekannt hat, ermöglichte es den französischen Zimmerern eine unglaubliche Präzision zu erreichen. Beim „Piquage“ wird mit einem speziellen Senkel gearbeitet, mit welchem der Aufriss auf das Holz übertragen werden kann. Auch dann, wenn es nicht rechtwinklig, eine Baumkante hat oder ähnliches.
In dem Weiterbildungskurs „Zimmerer für Restaurierungsarbeiten“ in Biberach kann er seinen Teilnehmenden diese Methode ebenfalls zeigen und diese so weiterverbreiten.
Französisches Schloss
Dazugelernt haben Beck und seine Kollegen auch, was ein sogenanntes französisches Schloss ist. „Das ist eine spezielle Holzverbindung, eigentlich wie ein Hakenblatt mit einem Kreuzzapfen“, erklärt Beck. Diese Verbindung tauche bei allen stehenden Hölzern am Vierungsturm auf – also vor allem an der Mittelsäule und an den Ecksäulen des 96 Meter hohen Turms. „Die sind in der Länge immer wieder gestoßen und dort mit französischen Schlössern verbunden“. Der größte Querschnitt, den die Gruppe auf der Baustelle von Notre Dame gesehen habe, war etwa 65 auf 65 Zentimeter. „Wenn man sich vorstellt, was da vom Holz weggearbeitet wird, bis die Verbindung passt, da könnte man fast eine Treppe daraus bauen“, sagt Beck.
Zu den zahlreichen französischen Schlössern kommen noch Unmengen anderer Holzverbindungen – Überblattungen, Zapfen, Schwebezapfen und Versätze. Wenn man das nicht live gesehen habe, sei es schier unvorstellbar, was alles mit der Hand gemacht werden kann und vor allem, mit welch wahnsinniger Präzision. Teilweise wurden dafür sogar überdimensionale Handwerkzeuge, zum Beispiel 1,5 Meter lange Stoßäxte, geschmiedet.
Fortsetzung folgt
Was Andreas Beck in Notre Dame am meisten beeindruckt hat und welche Herausforderungen es auf der Baustelle gab, das erfahrt ihr nächste Woche in Teil drei unseres Blogs …
Teil eins verpasst? Hier kommt ihr direkt zum Auftakt der Geschichte.
Und hier geht es zu Teil drei.
Ihr wollt mehr über das Bildungszentrum Holzbau in Biberach erfahren? Hier geht es zur Homepage.
Bildquelle: Bildungszentrum Holzbau Biberach












Wäre auch gerne dabei gewesen....
Jeder der die Möglichkeit hatte mitzuwirken kann stolz auf sich und seine Zunft sein