Teil VI: Tradition im Zimmererhandwerk
Das Mittelalter als Blütezeit
Die Tradition des Zimmererhandwerks geht weit zurück, nach der Bibel war schon Josef von Nazaret (Bräutigam von Maria, der Mutter Jesu) Zimmermann, deshalb gilt er auch als der Schutzpatron der Zimmerleute. Bis zum Mittelalter war ein jeder Bauherr auch gleichzeitig Zimmermann, Maurer usw., denn fast jeder baute sein Eigenheim damals selbst. Mit der Zeit bildeten sich die Berufsstände immer weiter heraus und es wurden Zünfte gebildet. So auch die Zimmererzunft.
Es gab in jeder großen Stadt zu jedem Beruf eine Zunft, diese übernahmen die gesamte Handwerksorganisation. Durch die Zünfte, wurde dauerhaft die Qualität gesichert und Arbeitstechniken immer weiterverbreitet, der Zimmermann wurde zu einem der gefragtesten Berufe, gerade in den Städten. Das Ansehen des Berufs war damals extrem hoch, für viele Leute grenzte es an Hexerei was sich die Zimmerleute da zurecht geschiftet hatten, daher auch der Begriff des Hexenschnitts. Und dieses Ansehen trugen sie zurecht! Das Mittelalter gilt als eine der Blütezeiten des Zimmererhandwerks, mit ihren ausgeklügelten Techniken der Dachausmittlung, Schiftung und Vergatterung wurden unzählige Fachwerkhäuser gebaut, die in großen Teilen noch heute stehen und häufig auch traditionell instandgehalten werden.
Dies zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben im Zimmererhandwerk und wird auch noch lange Zeit sehr gefragt sein, denn zur Erhaltung und Restaurierung eines Gebäudes erfordert es neben Erfahrung und Fachwissen auch sensibles Vorgehen mit der Bausubstanz, da kann einfach keine Maschine mithalten. (Ein wichtiger Grund für mich, warum ich nach dem Meister auch noch den Restaurator im Zimmererhandwerk in Kassel machen werde. Ganz nach dem Motto: „Im Altbau wird die Handwerkskunst erhalten!“ Dazu sehr interessant: Verband der Restauratoren im Zimmererhandwerk e.V.)
Um sich der Kunst der Zimmerleute von damals bewusst zu werden sollte man sich die schönen Fachwerk-Innenstädte anschauen, gerade Städte wie Quedlinburg, Celle, Tübingen oder Bamberg sind dafür einen Besuch wert, um nur mal eine kleine Auswahl zu nennen. Auch der Hessenpark, ein Freilichtmuseum in Neu-Anspach, zeigt einige Jahrhunderte alte Gebäude die originalgetreu wiederaufgebaut wurden.
Zimmerer halten Tradition hoch
Seit dem Spätmittelalter war die Wanderschaft eine der Voraussetzungen, um die Meisterprüfung ablegen zu können, anfangs war sie sogar erforderlich um sich überhaupt Geselle nennen zu dürfen. Ziel war und ist es vor allem neue Arbeitspraktiken und fremde Orte kennenzulernen sowie Lebenserfahrung zu sammeln. Dabei geht man 3 Jahre und 1 Tag oder länger von zuhause weg und darf sich seinem Heimatort nicht näher als 50km nähern. In den meisten Berufen ist diese Tradition heute leider nahezu ausgestorben, doch wenn man mal einen Reisenden sieht ist dieser in den meisten Fällen von Beruf Zimmermann. In unserem Beruf hat das Thema Wanderschaft noch heute einen großen Stellenwert, ich persönlich habe Respekt vor jedem der diesen Schritt geht und bewundere dies.
Die Reisenden sind meist in Schächten organisiert, dies sind Vereinigungen von Gesellen, die schon seit über hundert Jahren bestehen. Zugrunde liegen ihnen die Gesellschaften der rechtschaffenen fremden Maurer und Steinhauer und die Rechtschaffenen fremden Zimmerer und Schieferdecker, diese bildeten sich zu großen Teilen mit dem Ende des Zunftzwangs. Gerade Anfang des 19. Jahrhunderts während der Industrialisierung begann der gesellschaftliche Abstieg der Berufsverbände. Es entstanden neue Herstellungsweisen und neue Berufe, die Zünfte verloren in Deutschland ihre Macht.
Der erste und somit älteste Schacht entwickelte sich um etwa 1890-1891 in Nürnberg, dieser wurde von Maurern gegründet. Etwa zwanzig Jahre später folgten die Freie Vogtländer und der Fremden Freiheitsschacht. Ende des 20. Jahrhunderts bildeten sich noch zwei Schächte, Axt und Kelle und der Freie Begegnungsschacht. Einige Schächte werden heute noch vertreten und legen sehr viel Wert auf die Weitergabe der Traditionen und Bräuche, sie freuen sich auch immer über neue Mitglieder. Diese Schächte unterstützen Reisende in ihren Wanderjahren, unterscheiden kann man die Angehörigen der Schächte an den verschiedenen Farben der Ehrbarkeit. Zur Ausrüstung eines Wandergesellen gehören der Stenz (Wanderstock), der Charlottenburger (bedrucktes Tuch, indem das ganze Hab und Gut getragen wird), ein Wanderbuch und die Kluft.
Kluft und Bundgeschirr
Die Kluft ist die traditionelle Kleidung der Zünfte, bei den Zimmerern ist diese schwarz. Sie besteht aus einem schwarzen Hut, einer schwarzen Weste mit acht weißen Knöpfen (diese stehen für acht Stunden Arbeit am Tag), einer weißen Staude, einer schwarzen Cordhose (meist mit Schlag) sowie einer schwarzen Jacke mit sechs Knöpfen für die 6-Tage-Woche und jeweils drei Knöpfen an den Ärmeln für drei Lehrjahre und drei Wanderjahre. Hier auch nochmal eine kleine Anekdote zum Schlag an den Hosen: dieser geht auf die Schiffszimmerer aus Hamburg zurück, durch den Schlag war es einfacher, bei einem Fall ins Wasser beispielsweise, samt Schuhen aus der Hose zu springen. Später haben Wandergesellen verschiedenster Gewerke den Schlag übernommen.
Diese traditionelle Kluft verbreitete sich durch die Wandergesellen, im 19. Jahrhundert wurde sie zur offiziellen Zunftkleidung der Zimmerleute erklärt. Jedes Gewerk hat dabei seine eigenen Farben. Beispielsweise ist die Kluft der Maurer oder der Steinsetzer grau, die der Metallbearbeiter blau.
Ein wichtiges Erkennungsmerkmal ist seit jeher ein Ohrring am linken Ohr welcher mit Hammer und Nagel geschlagen und bei unehrbarem Verhalten ausgerissen wurde, daher kommt auch der Begriff "Schlitzohr". Zudem sollte der Ohrring aus hochwertigem Material sein, denn im Todesfall sollte dieser dafür ausreichen eine anständige Beerdigung finanzieren zu können.
Das Werkzeug der Zimmerleute nennt sich Bundgeschirr, es besteht üblicherweise aus Zimmermannshammer, Stemmeisen, Klopfholz, Stoßaxt, Axt oder Beil, Bundaxt, Winkel, Gestellsäge und einem Zirkel.
Richtfest und Zimmererklatsch
Von den Zimmerleuten stammt auch das weit verbreitete „Richtfest“. Traditionell wird dieses ausgerichtet, wenn der Rohbau eines Gebäudes und der Dachstuhl stehen. Dabei wird von den Zimmerern ein Richtkranz oder Richtbaum an den Dachstuhl gehängt und ein Richtspruch gesprochen, der das Haus und die Bewohner schützen soll. Danach wird auf Kosten des Bauherren zünftig gespeist und getrunken. Leider wird dieses Stück Tradition immer weniger, wobei es dabei starke regionale Unterschiede gibt. Zu einem guten Richtfest gehört auf jeden Fall einen Zimmererklatsch. Der Zimmererklatsch hat eine lange Tradition im Zimmererhandwerk, die ebenfalls weit bis ins Mittelalter zurück geht. Er wurde überall dort geklatscht, wo Zimmerleute zusammenkamen.
Zwar sterben leider regionsweise immer mehr Traditionen aus, so werden in der heutigen Zeit Bräuche wie Richtfeste und -sprüche zunehmend weniger, dafür ist einfach keine Zeit mehr. Trotzdem ist der Beruf des Zimmerers grundsätzlich einer der ältesten, traditionsreichten und auch garantiert stolzesten. Als Zimmerer lernt man in der Ausbildung die Schifttechniken, man lernt wie früher auf den Baustellen gearbeitet wurde und merkt sofort welch ehrbaren Beruf man dort lernt. Einen Beruf, der sich seit jeher durch Tradition und Bräuche auszeichnet, der für Zusammenhalt und Stolz steht! In diesem Sinne:
Hoch die ehrbare Zimmererkunst!
Anhang:
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Zimmermannsklatsch (Lied) - "Aufgeschaut"
1. Strophe
Früh morgens um halb sechse stehn wir auf und steigen aufs Gerüst hinauf.
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!
Holz her!
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!2. Strophe
Fällt einer vom Gerüst herab, so findet er sein frühes Grab.
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!
Holz her!
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!3. Strophe
Sechs Zimmerleute tragen ihn zur Ruh´ und decken ihn mit Sägmehl zu.
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!
Holz her!
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!4. Strophe
Sechs Kinder laufen hinterm Sarge her, sie haben keinen Vater mehr.
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!
Holz her!
Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut, und auf seinen Kamerad vertraut!

Tradition sollte erhalten bleiben.
Tradition und Moderne finde Ich ist in der heutigen Zeit leicht zu verbinden und unverzichtbar.
Montags an einem Holzständerhaus arbeiten, Dienstag einen Alten Deckenbalken austauschen, Mittwoch mit modernen Dämmmaterialien das Haus dämmen............
Selten das Berufe so vielseitig sind wie der vom Zimmermann.
Sehr gut geschrieben !
Klar da bin ich voll deiner Meinung Max, ich sage ja nicht, das alles neue schlecht ist. Natürlich muss man für neue Technologien und Arbeitstechniken offen sein, daran führt gar kein Weg vorbei. Trotzdem hat die Tradition in unsrem Beruf einen sehr hohen Stellenwert und diesen gilt es weiter zu tragen und zu pflegen!
Hallo Marvin,
Ich finde man sollte nicht nur am Tratitionellen festhalten und der Zukunft auch eine Chance geben.
Es ist ein schmaler Grad von stolzem Handwerk und überleben in der heutigen Zeit. Ich finde wenn man ein findiger Zimmerer ist und "altes"Handwerk mit modernsten(CNC) Maschinen und Techniken verknüft, entwickelt sich die Tratition weiter,...
Grüße Max
Super geschrieben und danke für die Arbeit, gerne mehr davon☺