Fachkräftemangel im Zimmererhandwerk: Ursachen, Auswirkungen und Lösungen
Das Zimmererhandwerk steht unter Druck: Aufträge gibt es mehr als genug, doch die passenden Fachkräfte fehlen. In vielen Betrieben bleibt wertvolle Arbeit liegen – nicht aus Mangel an Nachfrage, sondern schlichtweg, weil es zu wenig Personal gibt. Der Fachkräftemangel ist kein Zukunftsproblem mehr, sondern längst Realität. Warum das so ist, wie sich das konkret auswirkt und welche neuen Wege zur Mitarbeitergewinnung heute funktionieren – das klären wir in diesem Beitrag.
Warum fehlen Fachkräfte im Zimmererhandwerk?
Ein Hauptgrund ist der demografische Wandel: Viele erfahrene Zimmerer gehen in den nächsten Jahren in Rente, während immer weniger junge Menschen ins Handwerk nachrücken. Dazu kommt ein gesellschaftlicher Trend: Jugendliche entscheiden sich häufiger für akademische Laufbahnen statt für eine Ausbildung. Das führt zu einem kontinuierlichen Rückgang bei den Azubi-Zahlen – allein 2022 verzeichnete das Zimmererhandwerk einen Rückgang von über 13 % bei den neuen Lehrverträgen.
Hinzu kommt: Wer sich für das Handwerk interessiert, hat heute viele Möglichkeiten. Andere Branchen bieten oft attraktivere Arbeitsbedingungen oder werben aktiv um Fachkräfte – das macht es für klassische Betriebe schwer, mitzuhalten. Und nicht zuletzt: Die Erwartungen an den Job haben sich verändert. Themen wie Work-Life-Balance, Wertschätzung und moderne Arbeitsweisen spielen heute eine viel größere Rolle.
Wie macht sich der Mangel bemerkbar?
Die Folgen spüren viele Zimmereien direkt:
- Stellen bleiben monatelang unbesetzt,
- Projekte verzögern sich oder werden abgelehnt,
- bestehende Mitarbeiter müssen Überstunden schieben,
- und durch steigende Lohnkosten steigt der wirtschaftliche Druck.
Laut der Bundesagentur für Arbeit waren im Jahr 2023 rund 80 % aller Handwerksstellen schwer zu besetzen. Gerade in spezialisierten Gewerken wie der Zimmerei wird es immer schwieriger, qualifizierte Leute zu finden – die Konkurrenz um gute Fachkräfte ist hoch.
Welche traditionellen Methoden zur Mitarbeitergewinnung gibt es?
Angesichts dieser Lage stellt sich die Frage, was Betriebe tun, um Mitarbeiter zu finden. Klassischerweise greifen viele Handwerksunternehmen auf traditionelle Recruiting-Methoden zurück:
- Stellenportale: Die freien Stellen werden auf Online-Jobbörsen oder in der Jobbörse der Handwerkskammer und der Arbeitsagentur ausgeschrieben. Auch Plattformen wie StepStone, Indeed oder fachbezogene Portale werden genutzt, in der Hoffnung, dass aktiv suchende Fachkräfte die Anzeige entdecken.
- Zeitungsannoncen: Nach wie vor schalten manche Betriebe Stellenanzeigen in Lokalzeitungen oder regionalen Wochenblättern. Gerade im ländlichen Raum war dies lange ein bewährter Weg, um Gesellen oder Azubis anzusprechen. Eine gedruckte Anzeige erreicht jedoch vor allem die ältere Leserschaft – die jungen Leute blättern heutzutage selten durch die Zeitung, sondern informieren sich digital.
- Persönliche Netzwerke: Viele Einstellungen erfolgen über persönliche Empfehlungen. Im Handwerk kennt man sich – Inhaber fragen im Kollegenkreis, ob jemand einen guten Zimmerer kennt, oder bestehende Mitarbeiter werben Freunde und Bekannte an. Dieses Mund-zu-Mund-Propaganda-Prinzip kann sehr wertvoll sein, da es auf Vertrauen basiert. Allerdings stößt es schnell an Grenzen, wenn insgesamt zu wenige Fachkräfte auf dem Markt sind.
- Arbeitsagentur und Innungen: Betriebe melden offene Stellen der Bundesagentur für Arbeit, die sie in ihren Systemen führt und Arbeitslose vermittelt. Auch Innungen oder die Handwerkskammern bieten Vermittlungsservices und Lehrstellenbörsen an. Diese offiziellen Kanäle bringen jedoch oft nur begrenzte Resonanz, da es schlicht nicht genug verfügbare Bewerber gibt – die meisten qualifizierten Zimmerleute sind ja bereits in Lohn und Brot.
Zusammengefasst verlassen sich viele Zimmererbetriebe noch auf die altbekannten Wege: Inserate, Aushänge, Kontakte. Doch die Erfahrung zeigt, dass diese Methoden alleine heute oft nicht mehr ausreichen, um genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Warum ist das so?
Warum funktionieren diese traditionellen Methoden oft nicht mehr?
Sinkende Reichweite klassischer Medien: Die Art und Weise, wie Menschen nach Jobs suchen, hat sich grundlegend geändert. Junge Fachkräfte durchforsten heute eher das Internet oder soziale Medien, anstatt die Stellenanzeigen im Hinterteil der Zeitung zu lesen. Deshalb erzielen klassische Print-Anzeigen immer weniger Resonanz – vor allem bei der unter 30-jährigen Generation. Auch das bloße Inserieren auf einer Jobbörse erreicht nur die aktiv Suchenden. Doch viele gute Zimmerer befinden sich in ungekündigter Stellung und sehen sich gar nicht auf Jobportalen um. Unternehmen müssen also neue Wege finden, um diese „passiven“ Kandidaten zu erreichen. Die Generation Z (Jugendliche und junge Erwachsene) hat außerdem andere Kommunikationsgewohnheiten: Sie informieren sich über Instagram, TikTok & Co., während z.B. Facebook in dieser Altersgruppe an Popularität verloren hat. Wer ausschließlich auf traditionelle Kanäle setzt, verfehlt einen Großteil der jungen Zielgruppe. Die alten Methoden ziehen schlicht nicht mehr so wie früher – oder wie es ein Branchenkenner formuliert hat: “Mit dem Faktor Tradition lockt man die Generation Z nicht mehr vom Sofa”.
Geändertes Bewerberverhalten und Imageprobleme: Hinzu kommt, dass sich das Verhalten potenzieller Bewerber verändert hat. In Zeiten von Fachkräftemangel sind Handwerker weniger geneigt, jedem x-beliebigen Stellenangebot hinterherzulaufen. Gute Leute können sich den Arbeitgeber aussuchen und warten eher darauf, angesprochen zu werden, statt selbst Dutzende Bewerbungen zu verschicken. Herkömmliche Stellenanzeigen sprechen jedoch oft nur über Anforderungen („Gesucht wird…“) und weniger darüber, was der Betrieb dem Mitarbeiter bietet. Solche trockenen Auflistungen wirken auf die heutige Bewerbergeneration wenig anziehend.
Viele Handwerksberufe leiden zudem unter einem angestaubten Image: Jugendliche wissen oft nicht, wie modern und digital z.B. der Holzbau mittlerweile ist, und haben falsche Vorurteile vom Berufsbild. Eine schlichte Textanzeige in der Zeitung kann diese Vorurteile kaum ausräumen und vermittelt wenig Emotion oder Begeisterung. Kurz gesagt, die traditionellen Methoden haben an Wirkung verloren, weil sich sowohl die Mediennutzung als auch die Erwartungen der Kandidaten gewandelt haben. Was also tun? Gefragt sind neue Wege, um die Aufmerksamkeit potenzieller Zimmerer zu gewinnen und sie vom eigenen Betrieb zu überzeugen.
Wie kann Social Recruiting helfen?
Zielgruppensuche via Social Media: Ein vielversprechender neuer Ansatz ist das Social Recruiting – also die Mitarbeitergewinnung über soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder LinkedIn. Dabei schalten Betriebe gezielte Kampagnen und Stellenanzeigen auf diesen Plattformen und gehen aktiv in den Kontakt mit potenziellen Kandidaten. Der große Vorteil: Man erreicht die Menschen dort, wo sie sich täglich aufhalten. Viele verbringen durchschnittlich rund zwei Stunden pro Tag auf Social-Media-Plattformen – in dieser Zeit kann man sie mit ansprechenden Inhalten auf den eigenen Betrieb aufmerksam machen. Anders als bei passiven Stellenportalen kommt die Anzeige direkt in den Newsfeed der Nutzer, anstatt darauf zu warten, dass jemand gezielt danach sucht. Social Recruiting ermöglicht eine zielgenaue Ansprache: Anzeigen lassen sich geografisch auf die Region eingrenzen und nach Altersgruppe oder Interessen ausspielen.
So könnte ein Zimmereibetrieb zum Beispiel gezielt 20- bis 35-jährige Personen im Umkreis von 50 km ansprechen, die Interesse an Bau, Handwerk oder Outdoor-Aktivitäten gezeigt haben. Auf diesem Weg erreicht man auch Fachkräfte, die nicht aktiv auf Jobsuche sind, aber prinzipiell offen für einen Wechsel wären. Gerade diese „latent suchenden“ Profis kann man über Social Media abholen – „Sie erreichen auch Menschen, die gerade erst über einen Wechsel nachdenken“, wie es in einem Leitfaden für Handwerksbetriebe heißt.
Authentische Einblicke und Employer Branding: Social Recruiting bietet zudem die Möglichkeit, den eigenen Betrieb attraktiv in Szene zu setzen. Statt einer nüchternen Textanzeige kann man mit Bildern, Videos und Geschichten arbeiten. Beispielsweise könnte ein Zimmererbetrieb ein kurzes Video posten, in dem Mitarbeiter auf der Baustelle ein spannendes Holzbau-Projekt zeigen, oder ein junges Teammitglied berichtet auf Instagram von seiner Ausbildung. Solche authentischen Einblicke machen den Beruf greifbar und wecken Emotionen. Über soziale Medien lässt sich so Vertrauen und Interesse aufbauen, noch bevor ein Bewerber überhaupt Kontakt aufnimmt. Wichtig ist, die Inhalte ehrlich und ansprechend zu gestalten – die Zielgruppe soll ein realistisches Bild vom Arbeitsalltag bekommen.
Zusätzlich kann man über Social Media sehr direkt in Dialog treten: Interessenten können per Kommentar oder Direktnachricht Fragen stellen und bekommen schnell eine Antwort, was die Hürde für eine Bewerbung senkt. Insgesamt ermöglicht Social Recruiting dem Zimmererhandwerk, das angestaubte Bild des Berufs geradezurücken und zu zeigen, dass Zimmerei auch modern, technisch anspruchsvoll und zukunftsorientiert ist. Es ergänzt damit die traditionellen Recruiting-Wege um eine aktive Komponente, die in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger wird.
Was Betriebe jetzt konkret tun können
Auch ohne große Kampagnen lassen sich direkt erste Schritte gehen:
- Social-Media-Präsenz ausbauen: Legen Sie Profilseiten für Ihren Betrieb auf Facebook, Instagram oder LinkedInan und bespielen Sie diese regelmäßig mit Einblicken in Ihre Arbeit. Zeigen Sie Fotos von aktuellen Projekten, Ihrem Team oder dem Arbeitsalltag in der Zimmerei. So machen Sie jungen Leuten Lust auf den Beruf und erhöhen Ihre Bekanntheit als Arbeitgeber. Wenn Sie eine Stellenanzeige posten, wird diese bereits von einigen Followern gesehen und im besten Fall geteilt. Nutzen Sie zudem gezielte Facebook-/Instagram-Werbeanzeigen, um Fachkräfte in Ihrer Region auf den Job aufmerksam zu machen.
- Stellenanzeigen attraktiv gestalten: Überarbeiten Sie Ihre Stellenangebote inhaltlich und optisch. Heben Sie hervor, was Sie als Arbeitgeber bieten – etwa ein gutes Betriebsklima, Weiterbildungsmöglichkeiten, moderne Ausrüstung, flexible Arbeitszeiten oder Zusatzleistungen. Eine klare Benefit-Liste macht die Anzeige ansprechender als nur eine Aufzählung von Anforderungen. Formulieren Sie in verständlicher, motivierender Sprache und vermeiden Sie veraltete Floskeln. Überlegen Sie auch, Bilder oder ein kurzes Video in Online-Stellenanzeigen einzubinden, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
- Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter nutzen: Aktivieren Sie Ihr bestehendes Team als Botschafter. Weisen Sie Ihre Mitarbeiter darauf hin, dass offene Stellen bestehen, und bitten Sie sie, in ihrem Bekanntenkreis nachzufragen. Viele gute Handwerker kennen andere Handwerker. Ein kleiner Bonus (Empfehlungsprämie) kann als Anreiz dienen – zum Beispiel eine Geldprämie, Extra-Urlaubstag oder ein Sachgeschenk, wenn ein empfohlener Kandidat eingestellt wird. Empfehlungen haben oft eine hohe Erfolgsquote, weil der oder die Neue schon eine persönliche Bindung zum Betrieb hat.
- Nachwuchs frühzeitig gewinnen: Warten Sie nicht, bis sich zufällig jemand bewirbt, sondern gehen Sie aktiv auf Nachwuchssuche. Kooperieren Sie mit Schulen in Ihrer Umgebung, bieten Sie Praktikumsplätze für Schüler an oder halten Sie Vorträge im Berufsschulzentrum über den Zimmererberuf. So machen Sie junge Menschen früh auf die Karrierechance im Holzbau aufmerksam. Ein Tag der offenen Tür in Ihrer Zimmerei oder die Teilnahme an Ausbildungsmessen kann ebenfalls Interesse wecken. Denken Sie daran: Jeder Azubi von heute ist die Fachkraft von morgen. Wer selbst ausbildet, sichert sich langfristig Mitarbeiter.
- Attraktive Arbeitsbedingungen schaffen: Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels punkten Betriebe, die auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen. Prüfen Sie, wo Sie flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen können (z.B. mal einen freien Freitagnachmittag nach Überstunden) oder ob Zusatzleistungen drin sind – sei es ein Tankgutschein, die Übernahme von Kitakosten, hochwertigere Arbeitskleidung oder betriebliches Gesundheitsangebot. Auch ein klar geregeltes Arbeitszeitkonto, damit Überstunden nicht zur Regel werden, kann den Job attraktiver machen. Wertschätzung im Alltag und ein gutes Teamgefühl kosten nichts, binden Mitarbeiter aber enorm. Zufriedene Mitarbeiter erzählen davon und das spricht sich auch bei potentiellen Bewerbern herum.
- Bewerbungsprozesse vereinfachen: Machen Sie es Interessenten so leicht wie möglich, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Nicht jeder wird sofort eine vollständige Bewerbungsmappe schicken. Richten Sie z.B. auf Ihrer Website ein kurzes Online-Formular ein, bei dem man in 2 Minuten sein Interesse bekunden kann – Name, Kontaktdaten und vielleicht ein kurzer Lebenslauf reichen zunächst. Melden Sie sich dann zeitnah (innerhalb weniger Tage) bei jedem Interessenten und laden Sie zu einem persönlichen Gespräch oder Probearbeiten ein. Geschwindigkeit ist wichtig: In einem engen Bewerbermarkt gewinnt oft der Betrieb, der schneller reagiert und verbindlich kommuniziert.
Fazit:
Der Fachkräftemangel im Zimmererhandwerk wird uns nicht so schnell verlassen – aber Betriebe, die sich jetzt modern aufstellen, haben klare Vorteile. Neue Wege wie Social Recruiting bieten enorme Chancen, gezielt und effektiv genau die Mitarbeiter anzusprechen, die wirklich zum Betrieb passen. Entscheidend ist: nicht abwarten, sondern handeln – denn gute Leute findet man nicht mehr über Glück, sondern über Strategie.
Mein Team und ich arbeiten gerade auch einen weiteren umfangreichen Paper, in welchem wir die Lösungsansätze nochmal deutlich genauer beleuchten.
