Walz – die traditionelle Gesellenwanderschaft
Nachdem man seinen Gesellenbrief in der Tasche hat, unverheiratet, kinderlos, ohne Schulden und nicht vorbestraft ist, kann man für zwei bzw. drei Jahre, je nach Regeln des jeweiligen Schachtes, oder auch freireisend auf Wanderschaft gehen. Auf eine Entfernung von 50 Kilometern wird dabei der Heimatort nicht mehr betreten. Gereist wird auf Schusters Rappen oder per Autostopp und ohne Handy, aber natürlich in Kluft. Begleitet wird man hierbei die ersten Monate von einem Gesellen, der schon eine Weile auf Wanderschaft ist und sozusagen als Mentor fungiert.
Gerade in den ersten Monaten ist es wichtig, dass der junge Geselle die Gebräuche, Sitten und Traditionen kennenlernt, die teilweise Jahrhunderte alt sind, wie man sich in der Fremde durchschlägt und wie man an Arbeit, Unterkunft und Fortbewegungsmittel kommt. Gerade in dieser Anfangszeit ist es oft gewöhnungsbedürftig, auf Reisen morgens oft nicht zu wissen, wo man abends ins Bett gehen wird, geschweige denn, ein Bett haben wird. Und so waren auch auf meiner Tippelei, wie die Wanderschaft auch genannt wird, ein Heuschober oder gar eine Wiese im Sommer oft das beste Nachtlager. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit noch gut an eisige Nächte in den Argentinischen Anden, jedoch auch an schöne Abende mit knisterndem Lagerfeuer in toller Reisegesellschaft.
Mag für viele Menschen die Wanderschaft mit ihren Gebräuchen auch altertümlich und überholt anmuten, entspricht sie dennoch genau dem modernen Zeitgeist, was Flexibilität in Beruf und Wohnort und die Bereitschaft für berufliche und persönliche Entwicklung betrifft.
Ich selbst bin von 2006 bis 2009 im Schacht der Freien Vogtländer Deutschlands gereist, war von Skandinavien bis an die Adria und von den Karpaten bis an die Atlantikküste unterwegs, daneben habe ich Argentinien, Bolivien und Peru bereist.
In dieser Zeit konnte ich mich in vielen Spezialgebieten meines Berufes weiterentwickeln, und so habe ich mir stets die besten Betriebe dafür herausgesucht. So setzte ich mich intensiv mit den Bereichen Treppenbau, kanadischem und schwedischem Blockbau sowie Fachwerk und Restaurierung denkmalgeschützter Gebäude auseinander. Abgerundet wurde dies durch die zahlreichen Fortbildungen, die durch die Schächte jedes Jahr angeboten werden. In meinem Fall waren dies Schiftkurse, rechnerische Abbundkurse sowie Statikkurse.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mir persönlich die Wanderschaft auf dem Weg für vieles im Berufsleben sehr geholfen hat, ob auf der Baustelle, in meinem Planungsbüro oder auch als Dozent an der Online Meisterschule.
Daneben kann die Gemeinschaft des Schachtes in vielen Situationen später eine wichtige Säule im Leben darstellen, ob als Netzwerk für Arbeit und Aufträge oder durch gegenseitige Hilfe. Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass jeder Schacht natürlich nur vom Engagement seiner reisenden und einheimischen Gesellen lebt und ein jeder auch dazu angehalten ist, sich auch für die Gesellschaft einzusetzen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: »Die Wanderschaft ist das, was Du selber draus machst.«
Text: Christian Rummel
Bild 01: Auf Wanderschaft | Bild: Christian Rummel
Bild 02: Mein erstes Jahr auf Wanderschaft – Richten eines Dachstuhls. | Bild: Christian Rummel
Bild 03: Gesellentreffen Legau 2007. Bild: Freie Vogtländer Deutschlands
Bild 04: Gesellschaftsbild 1921 Ludwigshafen. Bild: Freie Vogtländer Deutschlands
Bild 05: Das Übersteigen des Ortschildes am Beginn der Wanderschaft. | Bild: Christian Rummel
Bild 06+07: Meine Heimkehr im Jahre 2009 – begleitet von zahlreichen Reisekameraden. | Bild: Christian Rummel
Bild 08: Christian Rummel – Zimmerermeister, zertifizierter Zimmerer für Restaurierungsarbeiten und Tischler, Gesellschaft Freie Vogtländer Deutschlands, rummel@online-meisterschule.de, www.freie-vogtlaender.eu | Bild: Carolin Wolf















