Was mir an kanadischen Baustellen gefällt...
Zunächst einmal etwas Grundsätzliches, was mir hier in Kanada gleich von Beginn an aufgefallen ist: die Wertschätzung fürs Handwerk. Während in Deutschland noch das Motto unserer Elterngeneration war "Geh studieren, lern was Richtiges", ist den Leuten hier im dünn besiedelten und schnell wachsenden Kanada durchaus bewusst, dass es das Handwerk ist, das ihr Land aufbaut und greifbare Werte für die Menschen schafft. Wenn ich Leuten hier erzähle, dass ich Zimmerer bin, dann sind die Reaktionen normalerweise folgende: "Sehr gut! Sowas brauchen wir hier" oder "Ein wichtiger Beruf!" oder "Kanada braucht Leute wie dich, du musst hierbleiben." Als ausgebildeter Zimmerer bin ich bei Firmen, meinen Nachbarn und ganz normalen Leuten sehr anerkannt.
Das spiegelt sich auch im Gehalt wider; in der Gegend, in der wir leben, gehört der Zimmerer zu den besser bezahlten Berufen, auch mit wenig bisheriger Berufserfahrung.
Aber jetzt zu den Baustellen:
Die Natur ist beeindruckend
Kanada ist groß und vielfältig, und ich kann nur für meine Gegend sprechen, aber was ich hier allein auf den Fahrtwegen zur Baustelle sehe, haut mich nach fast zwei Jahren Aufenthalt immer noch von den Socken. Die meisten kennen es, und es kann auch in Deutschland wunderschön sein, auf dem First zu sitzen und über eine Landschaft zu schauen. Trotzdem ist die typische Baustelle in der Stadt umgeben von Autos und Betonbauten.
Bisher lagen hier nahezu alle Baustellen an einem See. Während mein Blick also über Seen, Berge und Flüsse schweift und man in der Pause wirklich mal die Beine ins Wasser halten oder beim Eisangeln das Abendessen fangen kann, begegnen mir außerdem auch die typischen Tiere aus British Columbia. Dazu gehören auch Schwarzbären, Grizzlybären, Elche, Hirsche und Weißkopfseeadler.
Mehr Feiertage und flexible Freistellungsmöglichkeiten
Egal in welchem Bereich ich in Deutschland gearbeitet habe (obwohl ich es im sozialen Bereich am schlimmsten fand), war es doch immer eine heikle Angelegenheit, krank zu werden und nicht zur Arbeit gehen zu können. Während man finanziell in der Regel durch die Lohnfortzahlungen gut abgesichert ist, scheint es doch der Chef meistens persönlich zu nehmen, wenn man krank wird oder gar Urlaub nehmen möchte. Es gab viele Regeln um den eigenen Urlaub: nur eine sehr begrenzte Zeit Urlaub am Stück, nur zu bestimmten Zeiten usw. Ich persönlich fand das immer sehr unangenehm und war positiv überrascht, wie es in Kanada ist.
Hier in meiner Gegend ist es so, dass es fünf bezahlte Krankheitstage im Jahr gibt. Eine Krankschreibung von einem Arzt wird dafür nicht benötigt (es gibt bei uns in der Gegend sowieso keine Hausärzte).
Dazu hat man nach etwa einem Jahr bestehendem Arbeitsverhältnis in der Regel zwei Wochen Urlaubsanspruch pro Jahr. Nach fünf Jahren bestehendem Arbeitsverhältnis werden es etwa drei Wochen.
Manchmal entscheiden sich Arbeitgeber dafür, die zusätzlichen Urlaubstage als Vacation-Pay über das normale Gehalt mit auszuzahlen. Man nimmt dann also unbezahlt frei und lebt von Geld, das sowieso über das Gehalt im Jahr mehr ausgezahlt wurde.
Da sind wir beim nächsten Punkt: In den Firmen, in denen ich bisher gearbeitet habe, war es immer gut möglich, unbezahlt frei zu nehmen. Weder bei Krankheit, Urlaub noch unbezahlt Frei wurde man zur Rede gestellt oder musste gar Rechenschaft abliefern.
Dazu kommt, dass es fast jeden Monat einen Feiertag gibt, und sollte dieser Feiertag auf ein Wochenende fallen, wird der Montag danach freigemacht. Macht man nicht frei, bekommt man einen Tag als Überstunden angerechnet.
Wöchentliche Safety Meetings für mehr Arbeitssicherheit
In Kanada sind sogenannte Safety Meetings Standard und finden regelmäßig statt. In dem Unternehmen, in dem ich arbeite, findet einmal die Woche ein Safety Meeting mit allen Teams statt und täglich eine kurze Safety-Besprechung auf der Baustelle. Es werden mögliche Fragen besprochen und auch nochmal besonders aufgezeigt, was auf der jeweiligen Baustelle zu beachten ist. Ich habe mein eigenes Sicherheitsequipment bekommen und bin selbst dafür verantwortlich, es zu pflegen und zu warten.
Dachaufbau
Ich habe lange überlegt, ob mir der Dachaufbau in Kanada oder in Deutschland besser gefällt. Beide Arten unterscheiden sich jedenfalls sehr. Die Kanadier arbeiten überwiegend mit vorgefertigten Binderdächern, die mit OSB-Platten und darauf befestigtem Metall oder Bitumenschindeln gedeckt werden. Mit ca. 15 Jahren lässt die Langlebigkeit im Vergleich zu deutschen Dacheindeckungen doch sehr zu wünschen übrig. In Deutschland gibt es eine lange Tradition der Zimmererkunst und entsprechend auch ein tief verwurzeltes Wissen. Für mein eigenes Haus würde ich einen unserer traditionellen deutschen Dachaufbauten wählen (am liebsten ein Pfettendach). Trotzdem macht es mir auf der Baustelle mehr Spaß, kanadische Dächer zu bauen, weil sie einfach sehr schnell gehen und ich sehr gerne schnellen Fortschritt sehe. ;)
Effizientere Winterkleidung
Die Winter in unserer Gegend sind deutlich kälter als in Deutschland. Hier sind -40°C für einige Zeit im Winter normal, meistens hatten wir jedoch -18°C bis -20°C. Es ist vor allem deutlich trockener als in Deutschland. Bei diesen Temperaturen sind die Menschen und auch die Ausrüstung hier auf die Kälte gut vorbereitet. Wir hatten auf der Baustelle Heizungen, wo wir unsere Handschuhe aufwärmen konnten. Ich hatte mir zu Anfang wirklich dicke Wollsocken geholt, die bis -40°C deklariert waren, dazu gut gefütterte Arbeitsschuhe, und zum ersten Mal in meinem Leben waren meine Füße auf der Baustelle nicht kalt. Auch eine gute Winterjacke ist wertvoll; meistens habe ich aber trotzdem ohne Jacke gearbeitet, da die trockene Kälte nicht so unter die Kleidung gekrochen ist.
Von all den tollen Erfahrungen, die ich hier machen durfte, würde ich sagen, ist es die Wertschätzung, bei der ich mir wünschen würde, dass sie in Deutschland wiederbelebt wird. Denn wir haben tolle, gut ausgebildete Handwerke mit einer langen Tradition und können da wirklich stolz drauf sein.






















Schön auch Berichte aus anderen Ländern zu lesen.