Zimmerer der Kerschensteinerschule - Einsatz im Mittelalter
„Idem ac quotannis“ … auch dieses Jahr konnten unsere Azubis aus dem 2. Lehrjahr des Zimmererhandwerks am Langzeitprojekt „Campus Galli“ nahe dem oberländischen Meßkirch teilnehmen. Die über die Jahre gewachsene Partnerschaft zwischen der Bauabteilung der KSSRT und dem Campus Galli führt mittlerweile dazu, dass die Mitarbeit unserer Zimmererlehrlinge zu einem festen Bestandteil der jährlichen Bauablaufplanung der Mittelalterbaustelle geworden ist.
In diesem Jahr stand der Erweiterungsbau des Werkstattgebäudes für den Steinmetz neben vielen anderen Arbeiten im Mittelpunkt – die bisherigen Räumlichkeiten werden dem zunehmenden Arbeitsvolumen des Steinhauers einfach nicht mehr gerecht. Mit dem gewohnten großen Engagement und Eifer setzten die Auszubildenden den bereits begonnenen Abbund des Werkstattgebäudes fort, richteten es von Hand auf, latteten es mit selbst hergestellten Dachlatten ab und begannen es schlussendlich mit Holzschindeln einzudecken – das heißt, statt Elektronagler, Handkreissäge und Laser wurde mit Löffelbohrer, Axt und Lot gearbeitet. Auch Regen, Wind und Wetter konnten hier dem Eifer keinen Abbruch tun. So gab es zum Beispiel nach Beendigung der Dachlattung bei strömendem Regen auf dem First einen zünftigen „Zimmererklatsch“.
Diese und auch alle anderen handwerklichen Herausforderungen wurden mit Bravour gemeistert und boten den Azubis zudem wertvolle Erfahrungen. Nicht zuletzt der Kontakt zu den wissbegierigen und fragefreudigen Museumsbesuchern versetzte die Schüler in eine bislang ungewohnte Rolle: nämlich die des fachkundigen Ansprechpartners für Laien.
Neben der Zimmerarbeit konnten die Lehrlinge auch in andere Gewerke und Arbeitsweisen hineinschnuppern. So halfen sie zum Beispiel beim Mauern im Abtshofnebengebäude, beim Schindelmachen in der Schindelmacherwerkstatt und Verputzen des im Vorjahr von den „Kollegen“ aufgerichteten Hühnerstalls mit Lehm und Stroh. Dadurch konnten auch die Regentage sinnvoll genutzt werden. Mauern ohne „Normsteine“ entspricht mehr einer Mischung aus Tetris und Puzzle, als dem Erstellen eines Mauerwerks gemäß DIN-Vorgaben. Das richtige Lesen und Deuten der Jahresringstrukturen eines Baumstammes entscheidet über den nachhaltigen Erfolg bei der Schindelherstellung. Und verputzt wird mit den bloßen Händen. Ohne Traufel und Kelle. Nichts.
Die obligatorische 8 km lange tägliche Wanderung vom Naturcampingplatz in Leibertingen zur Baustelle (…und zurück = 16 km!) stimmte auf den Arbeitstag ein und war geprägt von intensiven Gesprächen auf Augenhöhe zwischen Schülern und Lehrern. Der allabendliche Ausklang auf dem Campingplatz beim gemeinschaftlichen Kochen schweißte die Gruppe noch mehr zusammen.
Große Freude löste der Besuch der Mitschüler der Klassen B2Zi1 und B2Zi2 unter der Begleitung von Hermann Bizer und Tobias Rager aus. Mit Begeisterung wurden die Schulkameraden über die Baustelle geführt und nicht selten führte dies zu intensiven Diskussionen über kreative Lösungsansätze bezüglich der Herausforderungen der frühmittelalterlichen Bauweise unter der Berücksichtigung heutiger baustatischer und baurechtlicher Anforderungen. An dieser Stelle sei den Kollegen Hermann Bizer und Tobias Rager ganz herzlich gedankt, die es den Schülern ermöglichten den Campus Galli zu besuchen.
Die Projektwoche auf dem Campus Galli war für die Azubis und Lehrer eine großartige Erfahrung, die einmal mehr das handwerkliche Können und den Zusammenhalt unserer Auszubildenden in außergewöhnlichem Maße förderte. Ein besonderer Moment für uns Lehrer stellte das letzte gemeinsame Abendessen in einer nahegelegenen Pizzeria dar, als die Schüler spontan die komplette Rechnung unserer Speisen und Getränke bezahlten!
Auf dem Campus Galli setzte die KSSRT einmal mehr die Messlatte für die anderen Schulen sehr hoch – oder wie es ein langjähriger Mitarbeiter beim gemeinsamen Feierabendbier ausdrückte: „Wenn ihr kommt, dann wissen wir, dass es einen großen Schritt vorangeht“.
Einen kleinen Eindruck der Projektwoche vermittelt Ihnen das Video oben.
Markus Nassal und Melanie Joswig