Ein Aussichtspunkt mit Weitblick – Zimmerermeister Dippon und sein Turm
Das Architekturprojekt „16 Stationen“ – Begegnung und Vielfalt
Mit dem Architekturprojekt 16 Stationen wurde die Gemeinsamkeit und Vielfalt entlang der 16 teilnehmenden Kommunen bei der Remstal Gartenschau 2019 auf ganz besondere Weise sichtbar. Im Einklang mit der Landschaft entstanden Orte der Begegnung, welche die Städte und Gemeinden inhaltlich miteinander verknüpfen und doch deren Individualität widerspiegeln. Für die Umsetzung der Aufgabe gewann Kuratorin Jórunn Ragnarsdóttir namhafte Architekturbüros aus Deutschland. Das Studio Rauch aus München entwarf für die Gemeinde Korb den FernSehTurm. Ein weithin sichtbares Landmark und neben dem Turm an der Birke in Urbach sicherlich die anspruchsvollste aus Holz gebaute Station.
Der FernSehTurm – Ein Wahrzeichen in den Weinbergen
Inmitten der Weinberge ist ein Aussichtspunkt mit Fernsicht auf Korb, das umgebende Remstal und Stuttgart entstanden. Der Turm überbaut den bislang wenig ansehnlichen Trinkwasserspeicher. Im Inneren ranken sich zwei gegenläufig verschränkte Treppen in die Höhe und erschließen den Aussichtsraum. Bereits der Aufstieg ist ein Erlebnis, die Fassadenausschnitte auf Höhe der Treppenpodeste eröffnen immer wieder neue Perspektiven.
Auch für Friedrich Dippon, der im Spätsommer für ein Wiedersehen mit der „Hergottsversuchung“ und einige Fotos leichtfüßig die 63 Treppen, oder waren es 64, nach oben läuft. Er ist hoch gewachsen, vielleicht erleichtert ihm das mitunter eine andere Perspektive auf die Erde, das Bauen und die Menschen einzunehmen. Dabei hängt bei seiner Betrachtung immer etwas mit etwas anderem zusammen. Er belässt es nicht dabei, zu betrachten und einzuordnen, sondern geht der Sache oder dem Gegenüber auf den Grund. So wie der fortwährenden Bodenerosion. Er beweidet deshalb mit seinen Rindern die Baumobstwiesen an den Hängen des Remstals, um damit seinen Beitrag zu leisten, die Humusschicht zu verstärken.
Friedrich Dippon: Mehr als nur ein Zimmerermeister
Bautechniker, Restaurator und Zimmermeister ist Friedrich Dippon von Berufs wegen. Aber auch mit gleicher Leidenschaft Gemeinderat, Rinderzüchter, Weinerzeuger und Sammler von „altem Sach“. Er nimmt sich die Freiheit alles zu sein, mal das eine mehr, mal das andere weniger – wie es die Zeit und sein 15-Mitarbeiter-Betrieb in Weinstadt erlauben.
Friedrich Dippon trägt gerne und fast immer Kluft mit Melone, ist aber gewiss kein Romantiker. Er weiß aus seiner beruflichen Erfahrung um die Chancen von industrieller Fertigung im Holzbau, nutzt moderne Holzwerkstoffe, den neuesten Stand der Technik beim Aufmaß und zur CAD-Planung.
Der Zimmermeister versucht sich gerne an neuen Herausforderungen – wie dem FernSehTurm in Korb. Dazu braucht es Aufgeschlossenheit gegenüber Unbekanntem, Wissen – und für ihn ein gerüttelt Maß Gottvertrauen, dass es gelingt.
Unsicherheiten und viel Verantwortung
Dabei schien es beim Projekt FernSehTurm zunächst nicht, dass es gelingt. Der Gemeinderat entschied sehr spät über der Vergabe, das Budget und das Zeitfenster bis zur Eröffnung der Gartenschau war gleichermaßen limitiert, wie die Erwartungen der Einwohner und des Gemeinderates groß waren. Auf Basis der Entwurfsskizze des Studios Rauch war Holzbau Dippon für die Ausführungs- und Tragwerksplanung, Bauleitung und Ausführung verantwortlich. Mit Erfahrung, Wissen und Risikobereitschaft galt es Arbeitsökonomie, Kosteneffizienz, gestalterische und statische Anforderungen ins Gleichgewicht zu bringen.
Herausforderungen beim Bau: Windlasten & Treppen
Um die einwirkenden Windlasten auf den frei stehenden 13,15 m hohen Turm statisch abzulasten und diesen verwindungssteif zu bauen, wurden die vier übereinanderstehenden Brettsperrholzelemente mit senkrecht montierten Balken gesichert und verbunden. Diese dienten gleichzeitig als Unterkonstruktion für die Fassade aus Trapezblech. Kein anthrazit- oder camouflagefarbenes, wie zunächst geplant, sondern ein weißes wurde montiert. Eine weise Entscheidung, denn das weiße Trapezblecht reflektiert nicht nur die Sonnenstrahlen, sondern schafft ein erträgliches Mikroklima, damit die Weinstöcke an dem im Kreuzverbund montierten Rankgitter emporwachsen.
Eine besondere Herausforderung war die Planung und Ausführung der Treppen, mit denen nicht nur der Turm erschlossen wird, sondern auch eine aussteifende Funktion übernehmen. Nach einem 3-D-Modell wurden die Tritte und Wangen vorgefertigt und vor Ort montiert.
Der Bauprozess – Herausforderungen, Lösungen und Zeitdruck
Die Fundamentarbeiten verzögerten sich, der Eröffnungstermin am 10. Mai rückte näher. Am 1. April wurde das Gerüst gestellt, das am späten Abend nach einem Sturm bereits vom Winde verweht war. Am nächsten Morgen stand das Gerüst und an nur drei Arbeitstagen wurden mit nur vier Mann die Brettsperrholzelemente mit einem Teleskopstapler gestellt. Die Bodenplatte für die eingehobene Aussichtsplattform wurde neben dem Turm auf einem alten landwirtschaftlichen Wagen aus Leimholz gezimmert und mit einem mobilen Kran eingehoben. Die Plattform wurde mit eigens angefertigten Stahlverbindern an den BSP-Deckenelementen und mit gleitenden Anschlüssen an den BSP-Wandelementen befestigt. „Einfach kann jeder“, sagt Friedrich Dippon und wendet den Blick in die Ferne.
Zum Projekt
Auftraggeber: Gemeinde Korb
Entwurf: Studio Rauch, München
Tragwerksplanung: Dipl.-Ing. Stefan Dippon, Weinstadt
GU: Holzbau Dippon, Weinstadt
Planungsbeginn: Oktober 2018
Ausführungsbeginn: 1. April 2019
Fertigstellung: 29. April 2019
Höhe: 13, 15 m
Länge x Breite: 7,05 x 7,05 m
Fläche: 512,262 m2
Volumen: 51,403 m3
BSP-Elemente
Hersteller: Holzbau Unterrainer, Ainet (Österreich)
Anzahl: 59
Holz: Fichte
Qualität: Industriequalität sichtbar, Außenwände nur innen geschliffen
Stärke Wandelemente: 6 - 12 cm, dreifach kreuzverleimt
Stärke Deckenelemente: 20 cm, fünffach kreuzverleimt
Zum Zimmerer
Holzbau Dippon, Weinstadt
www.holzbau-dippon.de
Mitarbeiter: 15
Leistungen: Sanierung, denkmalschutzgerechte Sanierung, Neubau
Ein Hoch auf die Zimmererkunst!
Anpacker, Auszubildende, Gesellen, Meister:
Wir sind ein Team.
Wir fördern und fordern einander,
wir geben aufeinander acht, wissen um unsere Stärken und Schwächen.
Wir fetzen uns und wir feiern zusammen.
Wir sehen Potenziale und sprechen nicht nur über Probleme.
Wir schätzen und schützen Werte: persönliche, immaterielle und materielle.
Wir bieten die Leiter für die, die nach oben wollen und ein Nest für die, die sich wohlfühlen möchten.
Mir schwätzed net bloß Schwäbisch und verstehen uns dennoch sehr gut.
Text: Volker Simon | Fotos: Volker Simon, Till Mößner






















Sieht sehr stark aus.💪