„Drei Jahre und einen Tag“: 2. Kerschensteiner Walz- und Zunfttag 2024
Drei Jahre und ein Tag und immer weiter weg als 50 Kilometer um den eigenen Heimatort herum: da kommt so einiges an Erfahrungen und Erlebnissen zusammen. Die Begegnungen und Eindrücke lassen einen nicht unverändert und so hat sich auch bei unseren beiden Kerschensteinerkollegen János Klaus und Jimmy Maas durch ihre Zeit in der Fremde auch der eigene persönliche und berufliche Horizont stark verändert. Das Publikum konnte dabei nur staunen über die spannenden Projekte und die besonderen Orte, die die Kollegen auf der Walz gesehen hatten: vom Aufrichten eines Daches auf einer hochgelegenen Berghütte der Alpen, dem Bau eines Floßes zur Fahrt die Donau hinunter bis zu Projekten in Afrika - wie die Renovierung eines Buschkrankenhauses in Uganda, einem Aufenthalt in Namibia und dem Bau eines neuen Dorfes in Weißrussland für Menschen aus Tschernobyl. Dazu natürlich auch noch die Bauvorhaben in Europa und die fachlichen Herausforderungen, zum Beispiel beim Ausführen schwieriger Schiftungen an komplizierten Dächern.
Doch wie wird man zum Wandergesellen? Da ist die richtige Zunftkleidung mit Hut, Jacke, Weste, Staude und Hose schon mal ein erster Anfang und besonders die Zimmerer waren hier schon mal vorbildlich in Zunftkleidung erschienen. Zur Ausrüstung auf der Walz gehört aber auch das geschnürte Bündel, der „Charlottenburger“ und der selbst gesuchte und geschnitzte Stock, der „Stenz“. Auf einem der Bilder zu sehen: Kollege Maas mit seinem selbst gesuchten Wanderstock aus dem Schwarzwald, dem „Stenz“
Aber vor allem braucht es den Anschluss an eine Vereinigung von Wandergesellen, den „Schacht“. Unsere KSRT-Kollegen hatten sich für ihre „Tippelei“ den „Rechtschaffenen Fremden“ angeschlossen. Dass dieser Schacht bisher keine Frauen in seine Reihen aufnimmt, stieß zumindest einer anwesenden jungen Zimmerin etwas sauer auf. Aber wer weiß, vielleicht wird diese Regel irgendwann noch einmal überdacht werden, denn Frauen sind ganz sicher ein Gewinn für das Handwerk. Jedenfalls erfuhren unsere Schüler im Laufe der Veranstaltung, die nun für die 2. Lehrjahre fast schon ein bisschen zur Tradition geworden ist, alles Nötige über das Losgehen und die Regeln für das Leben auf der Walz. Ein Leben ohne Handy und eigenes Auto, ein Leben im Ungewissen - aber immer mit der Möglichkeit weiterzuziehen, wenn es einem bei einem „Krauter“, einem Meister nicht mehr behagt.
Ein besonderes Highlight der Veranstaltung war der Besuch von Christian Ranz. Christian ist ein früherer Schüler unserer Schule und ist erst vor kurzer Zeit von der Wanderschaft heimgekehrt. Er konnte nun wirklich brandaktuell - und auch vom Alter her auf Augenhöhe mit den anwesenden Lehrlingen - von seiner Zeit in der Fremde, seinen vielfältigen Erfahrungen und seiner Leidenschaft für das Zimmererhandwerk erzählen.
Auch das zünftige „Schallern“, also das Singen von Liedern, kam natürlich nicht zu kurz. So beim Singen eines von Jimmy selbst geschriebenen Walzliedes oder als die B2Zi2 das alte Handwerkerlied „Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss“ mit Gitarrenbegleitung zum Besten gab.
Losgehen ist schwer. Doch noch schwerer, so sagt es so mancher frühere Wandergeselle, ist das Zurückkommen, nachdem man einmal die große Freiheit des einfachen und ungebundenen Lebens verschmeckt hat. Zurückkommen in unsere moderne Welt der Zwänge und der Arbeit im Akkord: für die vielen Dinge, die man sich meint leisten zu müssen. Manchen Wandergesellen, auch das wurde an diesem Tag nicht verschwiegen, ist dieses Wiederankommen schwergefallen und sie konnten sich in unserer engen und festgefügten Welt kaum mehr zurechtfinden. Doch die vielen, die für ihr ganzes Leben durch die Erfahrungen auf der Walz bereichert zurückkommen, wieder Fuß fassen, eine Familie gründen und das ganze Leben weiter dem Handwerk verbunden bleiben, überwiegen hier.
Abschließend lässt sich sagen, dass an diesem Tag bei dem einen oder der anderen die Samen des Fernwehs auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Auf Nachfrage gaben jedenfalls mehrere Schüler an, dass sie es sich vorstellen können, selbst auf Reisen zu gehen, um sich in der Ferne neu zu erleben und zu beweisen. Denn jetzt sind schließlich andere dran: die nächste Generation schreibt neue Geschichten!
An dieser Stelle nochmals ein großer Dank für die Unterstützung durch die Kollegen Ebinger und Freudenmann von der Maurerwerkstatt!
Hermann Bizer







