Tradition trifft auf Moderne - japanische Holzverbindungen
Wer bin ich überhaupt?
Mein Name ist Jannis Grieb, ich bin 21 Jahre alt und komme aus dem schönen Süden von Deutschland. Seit Juli 2023 bin ich Zimmerergeselle. Mit dieser Reise erfülle ich mir meinen Traum, als Zimmerer die Welt zu entdecken und dabei neue Techniken kennenzulernen. Gleichzeitig möchte ich fremde Kulturen erleben und mit Handwerkern aus aller Welt in Kontakt kommen
LOS GEHTS...
Die Unterschiede
Sowohl japanische als auch europäische Holzverbindungen haben in den jeweiligen Ländern eine lange Tradition. Die japanischen Holzverbindungen sind aber im Gegensatz zu den europäischen Verbindungen wesentlich komplexer, was weltweit Zimmerer und Schreiner fasziniert und für Begeisterung sorgt. Auch bei der Herstellung gibt es große Unterschiede. Wo bei uns oft das Motto "Verbindungen werden nach Möglichkeit einfach gehalten" gilt, wird in Japan mit einer Detailgenauigkeit gearbeitet, die im ersten Moment bei uns deutschen Zimmerern wohl auf Unverständnis und Kopfschütteln treffen würde.
Die Schwierigkeiten bei der Herstellung
Die Schwierigkeit beim Herstellen besteht darin, die beiden Hölzer so auszuarbeiten, dass sie perfekt ineinander passen. Die Genauigkeit bei der Ausarbeitung entscheidet darüber, ob die Verbindung am Ende den hohen japanischen Ansprüchen an Tragfähigkeit und Ästhetik entspricht oder ob man nochmal bei Null beginnen muss (Ziel ist eine Toleranz von +-0). Deshalb ist es in Japan üblich, die finale Anpassung Stück für Stück vorzunehmen und in vielen Arbeitsgängen die beiden Hölzer perfekt aneinander anzupassen. Immer wieder werden „Problemstellen“ ausfindig gemacht und mit rasiermesserscharfen Stechbeiteln behoben.
Das Prinzip der meisten Verbindungen
Was die Verbindungen so einzigartig macht, ist deren Halt ohne jegliche Schraube, Nagel oder Leim. Die Verbindungen sind so konzipiert, dass sie sich durch beispielsweise konisch laufende Kanten oder das Eintreiben von einem Holzkeil verkanten und verbinden und somit eine sehr belastbare Verbindung entsteht. Gleichzeitig quillt das Holz durch die teilweise sehr hohe Luftfeuchtigkeit in Japan auf. Dadurch sind die Verbindungen hoch belastbar, was mit ein Grund für das hohe Alter vieler japanischer Tempel ist.
Längs-und Eckverbindungen
Im Folgenden werde ich kompakt einige Holzverbindungen, die ich schon selbst in Japan herstellen durfte, vorstellen.
Ookake tsugi
Verbindungstyp: Längsverbindung
Einsatzgebiet: Hauptsächlich im Tempelbau und der Sanierung
Das Prinzip: Die Verbindung ähnelt einem europäischen Hakenblatt, nur mit dem Unterschied der konisch laufenden Kanten, welche die Verbindung mit jedem Hammerhieb noch fester zusammentreiben. Das Nut-Feder System an den Enden sorgt für die nötige Aussteifung.
Belastbarkeit durch: Nut-Feder System und eventuell Holzkeile. Es können 1-2 Holzkeile von oben durch beide Hölzer eingetrieben werden. Dadurch erreicht man die nötige Zugfestigkeit.
(Bild 1; Bild 2; Bild 3)
Dedome in
Verbindungstyp: Eckverbindung
Einsatzgebiet: Hauptsächlich Außenecken im traditionellen Tempelbau
Das Prinzip: Schlüssel-Schloss Prinzip (s. Bild 4). Durch eine leicht konische Ausarbeitung des "Innenlebens" wird die Verbindung mit dem Eintreiben eines Keils zusammengepresst und eine belastbare Eckverbindung hergestellt.
Belastbarkeit durch: Holzkeil im Inneneck
Besonderheit: Kein anfälliges Stirnholz im bewitterten Bereich
(Titelbild; Bild 4; Bild 5; Bild 6)
Kanawa tsugi
Verbindungstyp: Längsverbindung
Einsatzgebiet: Hauptsächlich im traditionellen Tempelbau
Das Prinzip: Konisch laufende Flächen und Nut-Feder System
Belastbarkeit durch: Nut-Feder und einen Holzkeil, der in eine Aussparung zwischen den Hölzern getrieben wird und somit Nut und Feder zusammenpresst.
(Bild 7; Bild 8; Bild 9)
Kama tsugi
Verbindungstyp: Längsverbindung
Einsatzgebiet: Sowohl im traditionellen als auch im modernen Holzbau. Wird vor allem bei Schwellen- und Pfettenverbindungen eingesetzt.
Das Prinzip: Ein pilzförmiger Zapfen wird in die dafür vorgesehene Aussparung getrieben und dient als Zuganker. Vertikalkräfte werden hauptsächlich über die kleine Überblattung abgeleitet. Eingesetzt wird diese Verbindung gerne in Bereichen mit unterschiedlichen Pfettenstärken.
Gut zu wissen: Diese Verbindung wird noch heute im modernen Holzbau eingesetzt. Gefertigt wird die Verbindung mit modernen Abbundanlagen (s. Bild 12). Da in Japan viel mit Vollholz und wenig mit KVH/BSH gearbeitet wird, sind Verbindungen wie diese bei größeren Konstruktionen unerlässlich.
(Bild 10; Bild 11; Bild 12)
Das wars auch schon mit dem Beitrag zu Holzverbindungen. Natürlich gibt es noch viele weitere Verbindungen, dies würden den Rahmen hier aber sprengen. Wenn ihr Fragen zu den Verbindungen habt, könnt ihr mir gerne jederzeit schreiben. Wer noch mehr von meiner Reise mitbekommen möchte, kann mir gerne auf Instagram folgen.
Im nächsten Blog wird es einen kurzen Rückblick auf meine Reise nach Japan geben und ich werde noch einige Eindrücke vom japanischen Holzhausbau mit euch teilen. Seid also gespannt.
In diesem Sinne
Vielen Dank für euer Interesse und bis zum nächsten Mal
Euer Jannis

























