Fachthemen
Zimmerer-Treffpunkt
17.06.2024

Zimmererkunst: Wie eine Zimmerei sie heute traditionell umsetzt

Altes Wissen mit neuer Technik verbinden und dabei das Handwerkliche immer in den Vordergrund stellen: Darum geht es in der Zimmerei Grasegger in Garmisch-Partenkirchen im Werdenfelser Land. Was dabei herauskommt, sind beeindruckende Holzbauten, denen man die Liebe zum Handwerk in jedem Detail ansieht.
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Gegründet wurde der Betrieb 1989 von Andreas Grasegger senior. Heute führt Sohn Andreas, genannt Anda, das Unternehmen mit 25 Mitarbeitern. Das Team, das sind vier Meister (Zimmerermeister, Bautechniker, Restaurator im Zimmererhandwerk), elf Zimmerer-Gesellen, ein Schreiner-Geselle, vier Azubis, drei künftige Lehrlinge und zwei Mitarbeiterinnen im Büro. »Wir sind ein junges dynamisches Team mit älteren Hasen für generationenübergreifendes Arbeiten«, sagt Anda (37), der sich auch ehrenamtlich stark engagiert. Tätig ist er in mehreren Funktionen in der Zimmerer-Innung Oberland, als Mitglied im Handwerkerverein sowie in der Zunft der Zimmerer, Maurer, Kaminkehrer, Hafner und Steinmetze. Außerdem ist er 1. Vorstand des Volkstrachtenvereins Werdenfelser Heimat Partenkirchen.

Kein Problem bei Mitarbeitersuche

Seine Mitarbeiter findet Anda meist über Mundpropaganda sowie im Familien- und Freundeskreis. Da in der Region die traditionelle Handwerkskunst geschätzt und praktiziert wird, haben sich die meisten Mitarbeiter schon in der Kindheit bei Lagerarbeiten im Wald oder in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft mit dem Werkstoff Holz auseinandergesetzt. »Alle im Team sind Werdenfelser Buam, die mit unserer Region, unseren Traditionen und Gepflogenheiten aufgewachsen und bestens damit vertraut sind«, stellt Anda fest, der sich selbst als leidenschaftlichen Zimmerer bezeichnet, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat.

Spezialtermin für Azubis

Zur Ausbildung seiner Azubis gehört ein spezieller Termin: Jeden Freitagnachmittag bleiben sie im Betrieb, um vom Senior-Chef neue und alte Handwerksmethoden zu lernen. Dazu gehören das Hacken und Schroppen eines Balkens, das Putzen und Fasen von Sparren und Pfettenköpfen, das Stemmen und Einschlagen von Bracklan (also die Verbindung von zwei Hölzern), das Herstellen von Zierbundnägeln oder Fräsen von Dachrinnen. »Erstmal wird zugeschaut und dann in vielen Selbstversuchen, teilweise unter Aufsicht, selbst ausprobiert«, erklärt Anda. »Und auch das gemeinsame Essen und Trinken an diesen Nachmittagen stärkt die Bindung unserer Nachwuchskräfte an den Betrieb.«

Handabbund vs. Abbundanlage

In der Zimmerei Grasegger steht schon aus Platzgründen keine Abbundanlage. Und wie Anda sagt, werde die bei ihm auch nicht gebraucht: »Wir sind mit der Hand schneller, und es gibt viele Sachen wie Zierbund, Pfettenköpfe und ausgeschnittene Balkonstiche, die eine Maschine gar nicht machen kann.« Auch auf der Kostenseite sieht seine Bilanz besser aus. In Bayern werde bei den meisten Abbundzentren nach m³ abgerechnet mit ca. 150 € für »Sichtabbund« mit kleinen Bearbeitungen, ohne Aufdopplung und ohne Pfettenköpfe. Sein Rechenbeispiel: Pfette Schnittholz Fichte, 20/24 cm, aufgedoppelt zu 20/48 cm, 10 m lang = 0,96 m³ x 150 € = 144 €/St. nur mit Einteilung der Sparren. Hinzu kommen evtl. Frachtkosten und Folierung. Das Rechenbeispiel für den Handabbund: 2 Mann ca. 60 €/Std. = 120 € für 4 Abschnitte und 13 St. Sparreneinteilungen aufreißen. 

Von Neubau bis Dachsanierung

Die Bauvorhaben von Anda und seinem Team finden sich meist im Umkreis von 20 Kilometern. Hauptsächlich sind das Neubauten (Ein-/Mehrfamilienhäuser), Blockbauten, Massivholzbauten, Aufstockungen in Holzständerbau, reine Zimmererarbeiten, Dacheindeckungen, Holzschindelarbeiten (die werden stark nachgefragt), Balkone und Wandschalungen sowie energetische Dachsanierungen. Die besonderen Bauvorhaben wie die der alten Bergbauernhäuser sind Nischenprojekte und kommen zwei- bis dreimal im Jahr vor.

Was überhaupt nicht geht

Zu den Holzverbindungen, die in der Zimmerei am meisten vorkommen, zählen die klassischen Schwalbenschwanz- und Zapfenverbindungen, die Gerber-Stoßverbindung, verschiedenste Überblattungen, Zierbundüberblattungen und Ausfräsungen, Kreuzkamm, Balkon- oder Pfettenandopplungen und der Hartholzschwalbenschwanz (»Brackla«). Als »Heirat« bezeichnet Anda es, wenn zwei Zierbundplatten bzw. die Fuge sauber zusammengeschnitten werden – passt die Fuge nicht, ist ein »Weibats« entstanden. Und: »Was gar nicht in Frage kommt bei uns sind Metallverbindungen, das geht überhaupt nicht!«

Gearbeitet wird bei Grasegger mit klassischen Handwerkzeugen, auch mit sehr vielen alten Maschinen wie Balkenhobel und der zur Dachrinnenfräse umgebauten Kervenfräse. Aber natürlich kommen auch neue Elektrowerkzeuge zum Einsatz. Beim Handwerkszeug sind es u. a. Stoßaxt, Stemmeisen und Putzhobel. 

Materialien und Arbeitsweise

Als Holz verwendet Anda meist heimische Hölzer, überwiegend Fichte, Lärche und Tanne. In vielen Bauernhäusern ist das Holz bereits vorhanden, das wird dann zugerichtet. Die Oberflächen sind gehackt, gebürstet oder sägerau, geschroppt, gedämpft oder thermobehandelt. Zur Dämmung werden ökologische Materialien wie Zellulose oder Holzfaser eingesetzt (eine eigene Einblasmaschine ist vorhanden), für die Dächer Ziegel oder Holzschindeln. 

Gearbeitet wird in Teams mit drei bis fünf Mitarbeitern, einer als Vorarbeiter, der bis zum Ende des jeweiligen Bauvorhabens dafür die Verantwortung hat. Organisation und Arbeitsvorbereitung sind für Anda das Herzstück des Unternehmens: »Arbeitsvorgänge müssen koordiniert werden, um reibungslos abzulaufen. Von zentraler Bedeutung für einen funktionierenden Betrieb sind außerdem die Informationsweitergabe und die Zusammenarbeit innerhalb der Abteilungen und untereinander.« Für den Abbund kommen die Pläne mittels Sema-Software in die Montagehalle, ergänzt durch eine Skizze mit Abbundmaßen auf einem Brett. Dann geht alles von Hand, ganz traditionell bzw. mit An- und Auflegen. Wo es geht, werden Wände, Decken und Dach im Betrieb vorgefertigt und vor Ort montiert.

Ein Plädoyer für die Zimmererkunst

Und was für Anda die Zimmererkunst ausmacht? Der Zierbund als »die schönste Zimmererkunst der bäuerlichen Baukultur«. Das Handwerkliche, die Kreativität und das Verständnis für Holz stehen immer im Vordergrund, nicht die Schnelligkeit. Für ihn müssen die Proportionen stimmen und die Optik Vorrang haben vor der Kosten- bzw. Querschnittsoptimierung. »Wir sind stolz darauf, dass wir das machen dürfen und dass wir Kunden dafür haben.« Es gelte aber auch, altes Wissen mit neuer Technik zu verbinden, ebenso Modernes mit Traditionellem. Seine Tipps für andere Zimmerer: die Wertschöpfung im Betrieb lassen sowie zielorientiert, sauber und mit viel Spaß arbeiten.

 

Bild 1: Giebelansichten Garage und Haupthaus Bauprojekt »Schnitzer« im typisch Werdenfelser Stil

Bild 2-4: Detail-Ansichten Zierbund und Schnitzereien insbesondere geschnitzte Streben und Drachenköpfe

Bild 5: Bauprojekt Grasegger

Bild 6: Aufgedoppelte Balkonstiche, profiliert und geschnitzt

Bild 7: 1-schaliger Massivholz-Blockbau mit Tiroler Eckblattverbindung ab Obergeschoss

Bild 8: Das gesamte Team der Zimmerei Andreas Grasegger GmbH & Co. KG

Bild 9: Anda Grasegger jun.: Ausstemmen einer Schwalbenschwanzverbindung (»Brackla«) bei einer Pfetten-Aufdopplung mit Stemmeisen und Zimmererbeil

Bild 10-12: Traditionelles Zimmererwerkzeug zum Einpassen der zimmermannsmäßigen Holzverbindung (»Brackla«)

Bild 13: Andreas Grasegger sen. beim Schnitzen von Zöpfen einer Strebe/Säule mit der Stoßaxt

Bild 14: Arbeitsvorbereitung ist ein wichtiger Bestandteil im Hause Grasegger

Bild 15: Schnitzmesser

| Bilder: k & e Fotografie, Monika Glatz Fotografie, privat

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6 Kommentare
Marcel
01.08.2024
Da geht einem doch wirklich das Herz auf. Richtig schön zu lesen, wie bei euch die traditionelle Zimmerei blüht und lebt. Vielen Dank für den tollen Beitrag.
Rene Zientek
26.06.2024
Schöner Beitrag! Es ist eine Freude zu sehen, dass es noch Firmen gibt die für unseren Beruf 🔥
JoBa
23.06.2024
Sowas ist genial, da findet man kaum noch Betriebe wo das so machen. Bin begeistert 😃 
Scholli
19.06.2024
Da macht das Arbeiten spass!! 
Tristan Gladisch
18.06.2024
Was für ein Hammer Projekt 
Steffen
17.06.2024
Super Sach! Check auch Bau-und Kunstzimmerei Thomas Witting im Werdenfelser Land - sehr erfahren und kompetent - die haben es halt noch drauf, das Zimmererhandwerk, die Buam !
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