Handwerker vs. Architekt – warum Architekten auf der Baustelle unbeliebt sind (Teil 1)
Kommunikation
Eine Baustelle ist oft kompliziert und erfordert viele Absprachen zwischen den Gewerken, Planern und den Bauherren. Jeder hat seine eigenen Interessen: Der Bauherr möchte sein Haus möglichst schnell und kostengünstig fertiggestellt haben, nach seinen Wünschen. Der Handwerker strebt danach, die Baustelle ordentlich abzuschließen, ohne seinem Geld hinterherrennen zu müssen, und seine Fähigkeiten zu zeigen. Der Architekt möchte seine Ideen verwirklichen und möglichst wenige Kompromisse eingehen, dabei aber sicherstellen, dass alles im Zeitplan, Budget und gemäß den Bauvorschriften und Normen funktioniert.
Aufgrund dieser vielfältigen Interessen besteht ein enormer Bedarf an Absprachen. Jede Änderung in der Planung oder Ausführung erfordert weitere Absprachen. Wenn dies vernachlässigt wird, fühlen sich Beteiligte schnell übergangen, was zu Unzufriedenheit führt. Der Architekt als Bauleiter kann dann möglicherweise über die Köpfe der anderen hinweg entscheiden, ohne überhaupt nachzufragen. Das bringt ein massives Konfliktpotential!
Um einen erfolgreichen Abschluss des Baus zu ermöglichen, sollte jeder einbezogen werden. Es ist nicht erforderlich, dass der Zimmermann bei der Auswahl der Fliesen dabei ist, aber bestimmte Dinge wie eine daraus resultierende Änderung der Aufbauhöhe des Fußbodens müssen mit allen besprochen werden.
Wertschätzung
Gesellschaftlich wird oft in Schubladen gedacht. Auch die Annahme, dass ein Studium mehr wert ist als eine Ausbildung, ist verbreitet. Dies führt häufig dazu, dass man meint, Architekten wüssten aufgrund ihres langen Studiums alles, während Handwerker lediglich nach Plänen arbeiten und stumpf ihrer Arbeit nachgehen.
Doch das ist nicht korrekt! In der Berufsausbildung werden Handwerker zu Experten in ihrem Bereich. Sie kennen sich hervorragend mit der fachgerechten Ausführung von Details aus, wissen um mögliche zukünftige Probleme und verstehen, wie sich verschiedene Baumaterialien verhalten oder wie man bestimmte Konstruktionen baut.
Architekten ist oft nicht bewusst, dass ihnen trotz ihrer Expertise während des Studiums der praktische Bezug fehlt. Zudem kann im Studium nie dieselbe Tiefe an Wissen vermittelt werden, um alles perfekt zu beherrschen.
Daraus ergibt sich oft, dass Handwerker sagen: "Der hat doch keine Ahnung, ich mache das jeden Tag so." Im Gegensatz dazu muss der Architekt die gesamte Baustelle von Anfang bis Ende planen und kennt daher Aspekte, die dem Handwerker vielleicht nicht in den Sinn kommen oder die diesen zunächst nicht interessieren.
Selbstverwirklichung, Zeit und Geld
Seien wir ehrlich: Die meisten Architekten wählen diesen Beruf nicht nur, um Baustellen zu managen. Der Beruf zeichnet sich vor allem durch das Planen und Entwerfen aus. Daher können wir dem Architekten nicht verübeln, wenn er sich selbst verwirklichen will. Andernfalls müssten wir uns mit Fertighäusern von der Stange begnügen...
Allerdings entsteht oft ein Problem für die Ausführenden auf den Baustellen. Jeder Handwerker hat seine Standarddetails. Doch genau diese Selbstverwirklichung der Architekten funktioniert oft nicht mit dem Standard, der gut funktioniert und deshalb „langweilig“ ist. Die Ideen müssen tatsächlich herstellbar, regen- und dampfdicht und möglichst unkompliziert sein.
Das Ziel sollte sein, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten - einem Kompromiss, der sowohl herstellbar als auch kreativ ist und bei dem die Kosten sowie die benötigte Arbeitszeit angemessen sind. Ja, es heißt, "Never change a running system". Doch vielleicht sollten wir das als Chance für unseren Betrieb sehen, Neues voneinander zu lernen und zu zeigen, dass wir auch anspruchsvollste Probleme lösen können und handwerklich höchste Qualität bieten.
Gegebenenfalls können wir so in Zukunft öfter spannende Projekte gemeinsam verwirklichen und uns dadurch ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen.
Der Überwacher
Handwerker mögen es nicht, wenn jemand hinter ihnen steht, zuschaut und kluge Sprüche abgibt oder sagt, wie die Arbeit richtig gemacht werden sollte. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Architekten, den Bauherrn oder andere Gewerke handelt.
Die Vorstellung, kontrolliert zu werden von jemandem, der sich nicht so gut auskennt wie man selbst, löst direkt Ärger aus. Wenn der Architekt auf die Baustelle kommt, ändert sich oft die Atmosphäre. Die Arbeiter versuchen, so zu tun, als wären sie beschäftigt und hoffen, nicht angesprochen zu werden. Aber das führt nur dazu, dass sie sich unbehaglich fühlen und eigentlich nicht effizient arbeiten können.
Wird man dann doch angesprochen, hofft man, dass es keine Planungsänderungen oder Beschwerden gibt. Jede Änderung könnte eine Kette von Problemen nach sich ziehen: Kostensteigerungen, längere Bauzeit und die Verzögerung anderer Baustellen, weil ein anderes Gewerk zuerst ran muss…
Wenn der Architekt auf die Baustelle kommt und man etwas besprechen möchte, hofft man auf eine schnelle, unkomplizierte Lösung. Aber oft heißt es nur: "Das muss ich erst abklären, nachschauen, das geht mich nichts an..." Dabei erwartet man vom Architekten eigentlich, dass er genau das weiß. Wie oft passiert es, dass man etwas fragen möchte, der Architekt sagt, er kommt gleich, aber dann nie auftaucht oder sagt, er habe keine Zeit, weil er einen anderen Termin hat?
Ja, Architekten haben oft einen sehr straffen Terminkalender, da sie sich nicht nur um eine Baustelle kümmern müssen. Daher ist es oft nicht möglich, spontan etwas zu besprechen, da nicht alles in zwei Minuten geklärt werden kann. Handwerker müssen dafür Verständnis zeigen. Aber ständiges Hinterherrennen bei Fragen ist auch keine Lösung für alle.
Also wie ist es jetzt?
In der Baubranche sind zwischen Architekten und Handwerkern oft Spannungen spürbar. Der Ruf des "Achtung, der Architekt kommt!" und die Wahrnehmung von Architekten als arrogante Besserwisser auf der einen Seite sowie die mögliche Wahrnehmung von Handwerkern als unflexibel und stur auf der anderen Seite sind real. Doch all dies beruht oft auf Missverständnissen, Stereotypen und fehlender Kommunikation.
Es ist unerlässlich, dass auf jeder Baustelle, unabhängig von ihrer Größe, eine gute Kommunikation herrscht. Das erfordert gegenseitige Wertschätzung und den Willen, die Probleme und Anliegen der anderen Person zu hören und zu lösen. Nur so kann eine harmonische Zusammenarbeit gewährleistet werden.
Architekten müssen verstehen, dass Handwerker Experten in ihrem Bereich sind und wertvolles Wissen und Erfahrung mitbringen. Gleichzeitig sollten Handwerker anerkennen, dass Architekten ihre eigenen Herausforderungen und Anforderungen haben. Am Schluss sitzen wir alle in einem Boot und wollen das Bauprojekt gut abschließen!
Und zum Abschluss noch ein Video von MYHammer das die Probleme noch einmal überspitzt und lustig darstellt. Der ein oder andere wird die dargestellten Situationen gut kennen!
https://www.youtube.com/watch?v=j7rVdGZ9cIE
Bildquellen:
Bauarbeiter&Bauleitung (Philip Bucher): Bauarbeiter und Bauleiter auf einer Baustelle in Wien
Bauarbeiter (Philip Bucher): Bauarbeiter auf einer Baustelle in Wien beim Ausschalen von Stahlbetonwänden
BauarbeiterVSArchitekt (Philip Bucher)
Lunch atop a skyscraper (reuters): Das am wahrscheinlichsten berühmteste Baustellenbild von 1932 in New York beim Bau des Rockefeller Center









