Notre-Dame: Die spannendste Baustelle Europas
Es war ein Glück, dass die Wände der Kathedrale nicht kollabierten. Denn es waren sofort Gerüstbauer vor Ort, die mit BSH-Balken die Wände abstützten. Der Dachstuhl war jedoch zu großen Teilen zerstört. Die Rettungsphase sollte noch zwei Jahre andauern: Schnellstens wurden massive Stützen für die Strebebalken und Fensteröffnungen eingesetzt. Schiff und Chor (Bild 3) erhielten einen vorübergehenden Holzdeckel, der die Wände auseinanderhielt, die offenen Wunden der Gewölbedecke schützte und den Rettungsmannschaften eine erste Plattform bot.
Der Kampf ums Holz
Anfangs tobte die Debatte, ob der Dachstuhl nicht besser aus Beton oder gar Titan aufgebaut werden sollte. Viele, letztlich haltlose, Argumente wurden gegen den Holzbau vorgebracht. Die französische Holzbranche hatte bereits früh verkündet, die für den Wiederaufbau nötigen Eichen zu spenden. Ein entscheidendes Argument bei den sowieso hohen Baukosten von mehr als 800 Mio. Euro.
Entscheidung für den Holzbau
Im August 2019 starteten die Zimmerergesellen der Compagnons du Devoir zusammen mit der Architektenschule für Denkmäler (Chaillot) eine erstaunliche Zusammenarbeit, die endgültig das Pendel in Richtung Holzbau schwenken ließ. In kurzer Zeit wurden einige mittelalterliche Dachstühle aus Eiche nachgebaut und erfolgreich als überzeugende Muster aufgestellt. Im Juli 2020 fiel der Entschluss, alles wie ursprünglich wieder aufzubauen. Für das Dach bedeutete dies: ein Dachstuhl und Vierungsturm aus Eiche sowie eine Bedeckung aus 3,5 mm Blei.
BSH oder Mittelalter-Axt?
Bevor ein Wiederaufbau im alten Sinne möglich wurde, stritten sich in Paris wieder zwei Lager. Auf der einen Seite der damalige Präsident des französischen Holzabsatzfonds, Michel Druilhe, der im Einklang mit dem Architekten von Notre-Dame, Philippe Villeneuve, auf die ursprünglichen Techniken setzte. Auf der anderen Seite ein Verein, der sich als Unterstützer des Wiederaufbaus gab, aber immer wieder versuchte, den Weg für die Nutzung moderner Holzsysteme wie BSH freizumachen. Ein Argument: Notre-Dame wird künftig auch Orkanen standhalten müssen, die die Klimakrise mit sich bringt. Die Entscheidung fiel aber auf die traditionelle Holzbearbeitung u. a. mit Hackung durch die mittelalterliche Doloire-Axt.
Die Nachahmung des Balkengestrüpps
Nach und nach wurden die für den Wiederaufbau benötigten 2.500 Eichen quer durch Frankreich ausgesucht und gefällt. Besonderes Augenmerk galt dem von der Zimmererzunft so bewunderten Sockel des Vierungsturms (Bild 7) mit besonders starken und langen Balken. Die Logistik einer zeitgerechten Rundholz-Zusammenführung in den Sägewerken stellte eine Herausforderung dar. Der Ultraschall-Sylvatest von CBS-CBT im Schweizer Lausanne kam zur Hilfe, um die Tragefähigkeit der Balken zu messen.
Bauweisen zweier Epochen
Klar wurde der mittelalterlichen Dachstuhl von der Restaurierung der Kathedrale im 19. Jahrhundert unterschieden: Was im Mittelalter entstand, sollte nach den Baugrundsätzen jener Zeit gebaut werden. Für die Renovierungen des 19. Jahrhunderts hingegen sollten die Bautechniken der industriellen Revolution gelten und damit bei Verbindungen auch Eisen Verwendung finden dürfen.
Die besten Zimmerer am Start
Die besten Denkmalschutzspezialisten traten zusammen an, sodass im Grunde nur zwei Bewerbergruppen im Wettbewerb um den Wiederaufbau des Vierungsturms standen. Die Planer um Architekt Villeneuve verlangten von jeder Gruppe als Beweis ihres Könnens den Nachbau eines Teils des Sockels (Bild 4). Den Zuschlag erhielt die Gruppe um Le Bras Frères mit Asselin, Cruard Charpente und Les Métiers du Bois.
Les Métiers du Bois gehört zu Aurige, einem der führenden französischen Betriebe im Denkmalschutz. Cruard Charpente verfügt über einen Denkmalschutzbereich, zählt aber ebenso zu den führenden modernen Holzbaubetrieben im Land. Asselin ist als breitgefächertes Bauunternehmen bekannt. Den mittelalterlichen Dachstuhl machen dagegen die Firmen Ateliers Perrault und Atelier Desmonts (Spezialisten für die Bearbeitung mit der Doloire-Axt).
Im Mittelpunkt der Vierungsturm
Besonders beeindruckend ist die Neuentstehung des Vierungsturms, der sich vom Sockel in 30 Metern Höhe bis auf über 96 Meter erhebt. Dort zählt Architekt François Auger 2.000 Verbindungen (ohne Statuen und Dekoration). Das Paradox dieser Baustelle ist, dass die gesamten Bauarbeiten vom Aufbau des Vierungsturms gesteuert werden. Das Gewölbe aus Stein kann erst vollendet werden, wenn der Vierungsturm vollendet ist. Der Aufbau des mittelalterlichen Dachstuhls Richtung Chor und Schiff folgt dem Einbau der Dachträger des 19. Jahrhunderts, die mit dem Sockel des Vierungsturms eng verbunden sind. Die im Oktober 2023 begonnenen Dachdeckerarbeiten gehen ebenfalls vom aufsteigenden Vierungsturm aus. Die Dachstuhlbeplankung wird wie in mittelalterlichen Zeiten mit dünnen großflächigen Bleiplatten bedeckt.
Eiche und Blei
Zeitgleich zur Montage der Dachträger setzt die Firmengruppe auf vier Plattformen die Balkenelemente des Vierungsturms zusammen. Im Juli 2023 wurde der zwölf Meter hohe mittlere Schaft des Turms zusammengefügt, um sicherzustellen, dass alles passt. Seitdem stieg das Gerüst um den Turm nach und nach über die Höhe der Glockentürme hinweg, wodurch der Blick auf den hervorsteigenden Holzbau erstmal weitgehend verdeckt blieb. Beim Nachbau von Vierungsturm und Dach über dem Querschiff aus dem 19. Jahrhundert kommt getrocknetes Holz zum Einsatz.
Anders beim mittelalterlichen Teil, bei dem die Stämme mit der Axt und alten Sägen ohne Maschinen bearbeitet wurden. Die Holz/Holz-Verbindungen, die damals mit der Einführung von Nut und Feder eine bautechnische Revolution auslösten, verursachten nachträglich Spannungen. So weiß man, dass einige Jahrzehnte nach der Fertigstellung der Kathedrale im 14. Jahrhundert Nacharbeiten notwendig wurden. Auch diesmal könnte beim natürlichen Trocknen eine leichte Verbiegung des Dachstuhls einsetzen. Dabei sollte aber ein Kontakt zwischen der dünnen Bleibedeckung und der Eiche vermieden werden, denn der Tanningehalt der Eiche könnte auf dem Bleidach Löcher bilden. Um das zu verhindern, wird hier und da zwischen Blei und Holz eine Pufferzone aus Kupfer eingebettet.
Wiedereröffnung Weihnachten 2024
Der Wiederaufbau des Dachstuhls von Notre-Dame de Paris ist ein Lehrbuch, an dem die Zimmerer aus aller Welt noch lange lernen werden. Zu Weihnachten 2024 soll die Kathedrale wieder in der alten Pracht eröffnet werden.
Bilder:
Bild 0: Aufbau der Dachstühle über dem Chor, Oktober 2023. | Bild: David Bordes/Rebâtir Notre-Dame de Paris
Bild 1: Aufbau der Dachstühle über dem Chor, Oktober 2023. | Bild: David Bordes/Rebâtir Notre-Dame de Paris
Bild 2: Am 15. April 2019 brannte der gesamte Dachstuhl nieder. Das Bleidach schmolz oder verpufferte in giftigen gelben Rauchwolken.| Bild: Marind, commons.wikimedia.org
Bild 3: Rot zu sehen ist das zerstörte Dach. Der Dachstuhl über dem Chor und dem Mittelschiff stammt zum größten Teil aus dem 13. Jahrhundert. Das Querschiff und der Vierungsturm wurden um 1859 erneuert. Beide Abschnitte werden auf zwei unterschiedliche Herangehensweisen wieder aufgebaut – mit Rücksicht auf die Bautechniken der jeweiligen Epoche. | Bild: Umbricht, commons.wikimedia.org
Bild 4: Aufbau des Mittelteils des Vierungsturms beim Zimmerer Le Bras Frères, Juli 2023. | Bild: David Bordes/Rebâtir Notre-Dame de Paris
Bild 5: Der 12 m hohe Schaft des Vierungsturms wurde im Juni 2023 in Briey (Lothringen) zusammengefügt. | Bild: David Bordes/Rebâtir Notre-Dame de Paris
Bild 6: Darstellung des Vierungsturms im Größenverhältnis zu einem Menschen. | Bild: Le Bras Frères
Bild 7: Zur Stütze des Gerüsts unter dem Vierungsturm wird ein Sockel aus BSP und BSH verlegt. | Bild: David Bordes/Rebâtir Notre-Dame de Paris
Bild 8: Aufbau des zweiten Teils der zentralen Stütze des Vierungsturms. | Bild: David Bordes/Rebâtir Notre-Dame de Paris
Bild 9: Die Dachträger werden per Schiff über die Seine geliefert. Von hier werden sie einzeln mittels Kran gehoben. Entsprechend der damaligen Bauweise verfügen diese Dachträger über Metallverbindungen, die das tonnenschwere Gebilde beim Heben zusammenhalten. Bei den mit Lkw angelieferten und wenig robusteren mittelalterlichen Dachstühlen muss die Schlinge von unten greifen. | Bild: Jonas Tophoven
Bild 10+11: Die Baustelle als Attraktion: Seit dem Brand wurde der Bauplatz von Millionen Touristen besucht. Um die Kathedrale herum wird das Baugeschehen durch eine Vielzahl von Bauteilen, Grafiken und Fotos beschrieben. | Bild: Jonas Tophoven
Bild 12: Im Oktober 2023 erreicht die zentrale Stütze die Höhe von 55 m. | Bild: David Bordes/Rebâtir Notre-Dame de Paris
Die Kathedrale Notre-Dame auf einen Blick:
Jahr des Baubeginns: 1163
Jahr der Fertigstellung: 1345
Jahr der Fertigstellungdes Vierungsturms: 1859
Zweck: Kathedrale des Erzbistums Paris
Baustil: Gotisch
Kapazität: bis zu 10.000 Personen
Höhe Vierungsturm: 96 m
Höhe Natursteintürme: 69 m
Länge Kirchenschiff: 130 m
Länge Dachstuhl: 108 m
Höhe Dachstuhl: 10 m
Breite Dachstuhl: 14 m
Breite Kirchenschiff: 48 m
Höhe Kirchenschiff: 35 m
Verbaute Eichenstämme: ca. 2.500 Stück
Dachträger: 100 für das Schiff 24 für das Querschiff
Text: Jonas Tophoven/Andreas Winkler























