Sonstiges
Tobias Perillieux
08.06.2023

Carpenters: Die Zimmererausbildung in Irland

Vor meiner Zimmererausbildung war ich einen Monat in Irland und habe hier einiges über die Zimmererausbildung erfahren. Diese läuft grundlegend anders als in Deutschland. In diesem Blog möchte ich Euch einen Einblick geben, wie die Zimmererausbildung in Irland ist.
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Über mich
Ich bin Tobias Perillieux und habe vor einer Woche eine Ausbildung als Zimmerer in Alfter bei Bonn angefangen. In Irland habe ich bei zwei verschiedenenen Gastgebern mit dem Programm Workaway verschiedenste Arbeiten durchgeführt, die aber nichts mit Zimmerei zu tun hatten.

 

Tischler, Zimmerer und Dachdecker nennen sich Carpenter

Der Beruf des Zimmerers unterscheidet sich grundlegend von dem uns vertrauten Berufsfeld in Deutschland: Erst einmal gibt es keine wirkliche Unterscheidung zwischen Tischlern, Zimmerern und Dachdeckern. All diese Handwerker bezeichnen sich als Carpenters, das Handwerk oder Betrieb wird Carpentry genannt. Außerdem kann sich Jeder Zimmermann nennen und damit sein Geld verdienen, ohne jemals eine Ausbildung abgeschlossen zu haben. Das liegt einerseits daran, dass es in der ganzen irischen Gesellschaft sehr viel weniger Reglementierungen gibt als in Deutschland.

 

Weniger Regeln als in Deutschland

Das Land war sehr lange landwirtschaftlich geprägt und eines der ärmsten in Europa. Erst mit dem EU-Betritt 1973 wurden mit EU-Geldern neue Straßen gebaut, die Wirtschaft entwickelte sich und Irland wurde zu einer Dienstleistungsgesellschaft. In Irland dachte man also noch lange mehr über das Überleben nach, während man in Deutschland die Zeit und das Geld hatte, um sich Regeln und Gesetze auszudenken. So fällt unter dem Begriff „Carpenter“ jede Berufsform, in der mit Holz gearbeitet wird.

 

Historisch bedingt weniger Holzbau

Generell ist das Holzhandwerk und der Holzbau weniger verbreitet als in Deutschland. Fachwerk und Holzrahmenbau existiert in Irland quasi gar nicht. Lediglich Dachstühle werden aus Holz konstruiert. In Irland wurde über Jahrhunderte der Wald stark gerodet, sei es zum Heizen, um Schiffe zu bauen, als Holzkohle für die Eisenschmelze oder um Weideland zu schaffen. Ohne diese Rodungen hätte sich die intensive Weidewirtschaft und die daraus resultierende Milchwirtschaft gar nicht entwickelt, für deren Produkte Irland bis heute weltweit bekannt ist. Der traurige Höhepunkt dieser Rodungen war um 1900 erreicht, als die Waldfläche Irlands von ursprünglich 80 % auf nur 1 % zurückgegangen war. Zu der Zeit wurde Irland in jeder Art und Weise von England ausgebeutet. Dies führte zu katastrophalen Zuständen – wen es interessiert, der kann die große Hungersnot von 1845 googeln. Erst mit der Bildung eines unabhängigen irischen Staates begann die nachhaltige Forstwirtschaft. Mit Anpflanzungen wurde erreicht, dass Irland heute zu 11 % mit Wald bewachsen ist. Es konnte sich jedoch nie ein so diverses Holzhandwerk entwickeln wie in Deutschland - wo zwar auch Holz in Massen gerodet wurde, aber immer eine gewisse Menge Nachwuchs und Holz somit verfügbar war.

 

Ausbildung zum Carpenter

Aber zurück zum Zimmerer: Die Ausbildung dieser Carpenters (also Zimmerer, Dachdecker und Tischler) erfolgt ausschließlich in einer einzigen Berufsschule in der Hauptstadt Dublin. Genauso wie in Deutschland wird der Auszubildende vom Betrieb bei der Berufsschule angemeldet. Jeder ausbildende Betrieb muss von der irischen Behörde für Aus- und Weiterbildung zugelassen sein. Handwerkskammern gibt es in Irland nicht.

 

Ausbildung dauert vier Jahre

Die Ausbildung dauert vier Jahre, eine Verkürzung ist nicht möglich. Dabei wird nicht von Ausbildungsjahren, sondern von 7 Phasen gesprochen. Nur 11 Wochen in Phase 4 und 10 Wochen in Phase 6 werden in der Berufsschule verbracht, der Rest der Ausbildung spielt sich im Betrieb ab. Die Inhalte haben ausschließlich Handwerksbezug (Holzhandwerk, Technische Zeichnung und Mathematik), Allgemeinwissen wird nicht gelehrt.

 

Wer den Beruf Carpenter lernen darf

Die Zugangsvoraussetzungen ähneln sich denen in Deutschland: Mittlere bis gute Noten der mittleren Reife, ein Mindestalter von 16 Jahren, der Abschluss eines ähnlichen Lehrgangs oder eine dreijährige Berufserfahrung in einem ähnlichen Bereich. Nur eins dieser Kriterien reicht aus. Das letzte Kriterium zeigt, dass einige junge Iren auch ohne Ausbildung in einem Betrieb anfangen und erst nach ein paar Jahren Arbeit im Betrieb die Ausbildung beginnen. Die Ausbildung kann also auch als Weiterbildung gesehen werden.

 

Das Ausbildungsgehalt

Das Ausbildungsgehalt fällt weitaus geringer aus: 274,14 € im ersten, 411,26 € im zweiten, 616,88 € im dritten und 740,26 € im vierten Jahr. Dabei erhalten alle Auszubildende in der Baubranche dieses Gehalt, gleich ob Zimmerer, Maurer oder Installateur. Dazu muss man wissen, dass die Lebenshaltungskosten weitaus höher sind als in Deutschland: So kostet ein Bier im Pub 5-6 €, für ein WG-Zimmer zahlt man monatlich in etwa 700 €. Generell wohnen junge Iren weitaus länger bei ihren Eltern als in Deutschland – unter anderem auch wegen den hohen Mieten.

 

Kaum Weiterbildungsmöglichkeiten nach der Ausbildung

Nach der Ausbildung gibt es kaum Möglichkeiten, sich im Handwerk weiterzubilden. Es gibt keine Meisterschule und damit auch keine Unterscheidung zwischen Gesellen und Meistern. Nach der Ausbildung kann man aber bei einigen wenigen Studiengängen wie z.B. im Bachelor Nachhaltige Holztechnologie im 2. Studienjahr einsteigen.

 

Manches besser, manches schlechter als in Deutschland

Die Ausbildung und das Berufsbild unterscheiden sich also erheblich vom deutschen System. Ich finde, dass manche Dinge hier besser, manche Dinge schlechter geregelt sind als in Deutschland. Im nächsten Artikel werde ich dann wirklich ins Handwerk „eintauchen“: Schauen wie gebaut wird, welche Hölzer verbaut werden, vielleicht auch einen Einblick darüber bekommen, wie der Arbeitsalltag ist.

 

Quellen: https://www.dfei.ie/craft-design-and-construction/apprenticeship-carpentry-and-joinery

https://apprenticeship.ie/news-events/news/off-the-job-training-payments-allowances-for-craft-apprentices

https://en.wikipedia.org/wiki/SOLAS_(Ireland)

https://www.teagasc.ie/crops/forestry/advice/general-topics/history-of-forestry-in-ireland/

 

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3 Kommentare
saftbefehl
17.03.2026

Hallo Tobias, ich möchte mein Erasmus+ in Irland machen. Ich bin seit August Zimmerergeselle und bin auf der Suche nach Tipps, seien es Betriebe, Projekte für ausländische Praktikanten oder Ehrenamtlerbaustellen...

Also jeder Hinweis ist hilfreich. Hast du Zeit und Lust mich mal privat zu kontaktieren und sich ein wenig auszutauschen?

Beste Grüße, Levin

Steffen
08.12.2023
Servus Tobias, kann mich erinnern, hier in Kanada mit einem irischen Carpenter zusammen gearbeitet zu haben. Wir haben zusammen Schalungen für Beton Fundamente für eine Goldmine gebaut. Sehr geselliger, genau arbeitender Kollege, der Irland wegen der schlechten Bezahlung verlassen hat.  
lexe
23.06.2023
denke ist alles gleich . holz ist auch dort holz .
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