Die „Meisterin“ der Zunftkleidung
Z-T: Frau Grosse-Soetebier, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Zunftschneiderin zu werden?
Andrea Grosse-Soetebier: Ich habe eine schulische Ausbildung zur bekleidungstechnischen Assistentin gemacht. Und es war nicht so, dass ich Zunftschneiderin werden wollte. Ich bin da über die Schule reingerutscht.
Meine Lehrerin sagte mir damals: ‚Wenn du etwas lernen willst, geh zu FHB.‘ Das habe ich dann gemacht und es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dort geblieben bin. Ich habe diese Nische für mich entdeckt.
Z-T: Was muss ein Zunftschneider besonders gut können?
Andrea Grosse-Soetebier: Man sollte gut zuhören können. Der Kunde kommt mit einer Idee zu uns und die muss ich dann technisch umsetzen. Das heißt, man muss genau hinhören, was er sich vorstellt und das dann auf das Kleidungsstück übertragen. Bei uns im Unternehmen sieht es so aus, dass ich die ersten eineinhalb Schritte mache. Ich bin erste Ansprechpartnerin und für das Aufmaß zuständig.
Zusammen mit meiner Kollegin Angela setze ich dann den Schnitt am PC um. Und in der Näherei ist unsere Kollegin Isabell dann zuständig für die Umsetzung. Isabell näht die Sonderanfertigungen von Westen und Sakkos, die Hosen fertigen wir in unserer regulären Hosenproduktion.
Z-T: Mit welchen Stoffen und besonderem Zubehör arbeiten sie?
Andrea Grosse-Soetebier: Die Besonderheit sind die sehr schweren Stoffe. Wir arbeiten häufig mit Stoffen die bis zu 600g/qm wiegen. Gerade die Sakkos haben ein enormes Gewicht. Wir arbeiten mit Cord-Stoffen, Deutschleder (100% Baumwolle), Echtleder für Besätze und Tascheneinfassungen sowie Echtperlmuttknöpfen. Isabell braucht richtig Kraft beim Nähen.
Z-T: Was sind besondere Herausforderungen beim Schneidern von Zunftkleidern?
Andrea Grosse-Soetebier: Die Passform ist besonders wichtig. Wir machen keine Zwischenanprobe, deshalb muss schon die Basisanprobe genau passen, gut sitzen und sehr genau gemacht werden.
Eine Herausforderung sind auch die Kundenwünsche. Wer sich an uns wendet, der möchte oft keinen Standard, er hat hohe Ansprüche. Wir müssen dann schauen, wie wir das umsetzen können und ob es möglich ist. Und wie schon gesagt, die schweren Stoffe machen das Nähen auch nicht einfach.
Z-T: Wie läuft es ab, wenn Handwerker vorbeikommen und sich etwas schneidern lassen wollen?
Andrea Grosse-Soetebier: Erst wird die Anprobe gemacht von Hose, Weste und Sakko. Dann werden die Passform und die Details besprochen. So machen das auch unsere Fachhändler.
Z-T: Was brauchen Sie von den Handwerkern?
Andrea Grosse-Soetebier: Wir benötigen ihre Vorstellungen und Wünsche, was sie vom Kleidungsstück erwarten. Jeder legt andere Schwerpunkte. Für den einen ist die Bequemlichkeit das Wichtigste. Für den anderen die Optik. Manche wollen viele Taschen. Von großer Bedeutung ist, dass die Handwerker: innen ganz konkret sagen, was es für sie sein soll, was genau sie sich wünschen.
Z-T: Wie lange dauert die Anpassung, wie lange die Lieferzeit?
Andrea Grosse-Soetebier: Wenn ein Wandergeselle vorbeikommt, dann dauert das schon zwei bis drei Stunden. Es ist aufwändig, weil Handwerker: innen auf der Walz in ihrer Kleidung leben, da muss alles passen. Um uns dafür ausreichend Zeit nehmen zu können, ist es wichtig, dass der Wandergeselle vorher einen Termin mit uns vereinbart.
Sonderanfertigungen über den Fachhandel sind in der Regel ein wenig einfacher. Die Lieferzeit beträgt rund zwölf Wochen für einen Wandergesellen. Rund fünf Wochen muss der Händler auf Einzelteile einplanen. Wir haben übrigens sogar schon Hochzeitsklüfte gefertigt. Das ist total schön, wenn wir dann hinterher Bilder bekommen.
Z-T: Was haben Handwerker davon, wenn sie sich ihre Zunftkleidung schneidern lassen?
Andrea Grosse-Soetebier: Man kann sich individuell, genau auf seine Bedürfnisse angepasst, sein Kleidungsstück kreieren lassen und dabei seine Persönlichkeit ins Spiel bringen. Der Kunde sagt genau, wo will er eine Handytasche oder Messertasche haben oder legt einen besonderen Stoff fürs Futter fest. Wir hatten mal jemanden, der hat selbst Knöpfe hergestellt, die er uns geschickt hat und die wir vernäht haben.
Z-T: Welche Anforderungen stellen die Kunden besonders? Was ist ihnen wichtig?
Andrea Grosse-Soetebier: Vor allem, dass es sehr schnell geht (schmunzelt). Die Handwerker kommen oft erst, wenn die Hose schon fast kaputt ist. Dann soll es fix gehen. Wir versuchen, vieles möglich zu machen, aber ein wenig dauert es dann auch. Und zudem verlangen sie eine lange Haltbarkeit. Wir bauen daher zum Beispiel Schrittverstärkungen oder extra robuste Taschenbeutel ein, denn die Kleidung muss vieles aushalten. Hochwertigkeit ist ein wichtiges Thema.
Z-T: Wie ist das Gefühl für Sie, wenn so ein besonderes Kleidungsstück fertig ist und mit seinem Besitzer auf die Reise gehen kann?
Andrea Grosse-Soetebier: Das ist jedes Mal sehr aufregend! Beim Wandergesellen macht das so viel Spaß, wenn sich dieser so freut. Einmal hat mich einer umarmt, so glücklich war er über seine fertige Kluft. Viele Kunden kommen nochmal wieder. Wir speichern auch ihre Schnitte, dann geht es beim nächsten Mal schneller.
Es ist oft auch ein persönliches Verhältnis. Und manchmal kommt von einem Wandergesellen auch eine Karte aus dem Land, in dem er sich gerade aufhält, das ist immer toll für mich. Beim Fachhandel bekommen wir nicht ganz so viel mit, aber auch da schicken uns die Kunden manchmal im Nachhinein ein Bild ihrer besonderen Kleidung.
Bilder:
Bild 1: In der Kluftwerkstatt von FHB
Bild 2: Team Massanfertigung, Links: Isabell Janz / Mitte: Angela Steinkamp / Rechts: Andrea Große-Soetebier



