Restaurierung mal anders - Die Aachgasse 4 in Blaubeuren
Marvin: Bei der Restaurierung der Aachgasse 4 in Blaubeuren sind Sie mit einem eher ungewöhnlichen Ansatz an die Sache herangegangen, können Sie diesen kurz beschreiben?
Marcus Gebhardt: Haus in Haus Konzept - Bei vielen Sanierung werden die Gebäude mit ihrer Hülle energetisch ertüchtigt, bzw. wird es versucht die Gebäude den heutigen energetischen Standards anzupassen. Das hat zur Folge, um Transmissionswärmeverluste zu minimieren, dass die Gebäudehülle wärmegedämmt wird. Die Konstruktion selbst, oder aber von außen oder innen mit Dämmsystemen. Das hat entweder konstruktive oder optische Auswirkungen auf die historischen Konstruktionen und Erscheinungen.
Wir haben bei dieser Sanierung entschieden, die historische Fassade mit all ihren Funktionen mittelalterlich zu belassen. Um das Gebäude mit unseren heutigen Bedürfnissen dennoch nutzen zu können haben wir eine „Haus in Haus“ Lösung ausgeführt. Das bedeutet, dass wir innen vor die Außenwandkonstruktion, mit einigem Abstand, eine thermisch trennende Glasscheibe, bzw. moderne Glasfassaden gestellt haben. Das hat den Vorteil, dass die historische Fassade in den kompletten Originalzustand hergestellt werden konnten und die heutige Zutat, die Innenfassade, ablesbar und reversibel bleibt.
Dies wurde allerdings nur bei Flächen angewendet, die nicht von sich aus bereits eine wärmedämmende Eigenschaft wie z.B. die massiven Steinwände im Erdgeschoss haben. Der Bereich zwischen alter und neuer Fassade ist keine Raumverschwendung, sondern ein großer Qualitätsgewinn. Der Boden vom Dachgeschoss wurde lediglich als statische Scheibe ausgeführt und mit Cellulose konventionell gedämmt. Der Erdgeschossboden besteht aus einem Lehm-Terrazzo der auf einem alten gestampften Boden neu aufgebaut wurde. Ganz ohne Dämmungen und Sperrschichten.
Ein genaues Hinsehen lohnt auch bei den restlichen raumbegrenzenden Bauteilen. So wurde die historische Stube mit 12 cm Bohlen-Außenwand und Einfachverglasung mit Schiebefenstern realisiert. Als Experiment und thermische „Sollbruchstelle“ verwirklicht, funktioniert diese nach dem ersten „Testwinter“ hervorragend. Bei 15°C Raumlufttemperatur können Mittagspause oder Besprechungen hervorragend auf den Stubenbänken über den Heizkörpern abgehalten werden.
Als Bewohner eines Hauses mit Zentral- und Fußbodenheizung genieße ich die verschiedenen thermischen Zonen in meinem Bürogebäude. Ein Haus kann Winter- und Sommerzonen haben. Das haben wir längst vergessen.
Das Gebäude weist über die Nutzung als Gerberhaus starke Verformungen auf. Das Haus hat sich um 12° geneigt. Für heutige Statiken leider nicht mehr rechenbar. Auch hier wurde reversibel mit einer Sekundärkonstruktion gearbeitet. Diese besteht aus einem Stahlbeton-Stempel, versteckten Ringankern und aus drei biegesteifen Stahlböcken im Obergeschoss zwischen den beiden „Außenfassaden“.
Wegen der großen Verformung und der komplizierten Stahlgeometrie wurde der Stahlbau komplett im Maßstab 1:1 als Model in Holzschablonen im Gebäude eingebaut und später in Stahl incl. Anschlüssen und Bohrungen nachgebildet. Ein sehr aufwändiges aber risikoarmes Unterfangen. Später wurden die Holzschablonen demontiert und für den restlichen Innenausbau verwendet.
Währen der statischen Sanierungsarbeiten wurde das Haus mit einer berechneten Hilfskonstruktion aus Holz vom Keller bis zu den Mittelpfetten gestützt. Auch diese wurde nach Gebrauch im Gebäude ein zweites Mal als Blindbodenkonstruktion eingebaut.
Die Technik wurde reversibel und komplett sichtbar verlegt. So kann diese nicht nur jederzeit ergänzt oder umgebaut werden, sondern viel wichtiger kann diese, z.B. bei Leitungswasserleckagen oder schadhaften Heizleitungen umgehend analysiert und repariert werden. Lichtschalter gibt es nicht und die Steck- und Datendosen wurden als kleine Pylone vor die Wände gestellt. Im Obergeschoss liegen die Leitungen – wie im Industriebau, in einem „historischen Doppelboden“.
Bei der Auswahl der Materialien wurde auf die Materialgerechtigkeit großen Wert gelegt.
Jedes eingebaute Neu-Holz wurde handüberhobelt. Es war der Anspruch, keine Maschinenspuren zu sehen. Auch auf Farbe oder Wachse und Öle zum „Oberflächenschutz – und Veredelung“ wurde komplett verzichtet. Alle Oberflächen sollen im Gebrauch natürlich altern – auch die Böden und Decken sind – alt und neu – nach dem Rückbau der jüngeren zeitschichten komplett unbehandelt geblieben. Ausnahmen waren einige restauratorische Oberflächen-Festigungen und Reinigungen. Weiterhin wurde Schwarzstahl für Verkleidungen und Lehm für den Boden im Erdgeschoss eingebaut.
Die statisch ergänzenden Stahlträger bleiben in ihrem rostroten Grundierungs-Farbton gut sichtbar. Lediglich die Profile der eingestellten Stahlfassade sind – ablesbar für unsere Zeit – anthrazit lackiert.
Marvin: Was war der Grundgedanke für diese Herangehensweise?
Marcus Gebhardt: Jede Sanierung hat ihren eigenen Schwerpunkt und Problemstellung. Manchmal passt der Bauherr nicht, manchmal die Aufgabenstellung, manchmal das Budget.
Bei dieser Sanierung war Bauherr, Architekt und Nutzer eine Personalunion.
Die Sanierung sollte ein minimales und transparentes Konzept darstellen und den Mut geben den Weg einer nicht „Hochglanzsanierung“ zu gehen. Das Geheimnis liegt in der Erscheinung nicht „fertig“ zu sein. Ich denke so waren es die Häuser damals gewohnt und so war auch die mittelalterliche Erscheinung der Gebäude. Damals wurden eben nicht die Sockelbereiche jedes Jahr neu saniert und gestrichen…
Marvin: Wie haben die Denkmalbehörden darauf reagiert? Wie lief die Abstimmung mit diesen?
Marcus Gebhardt: Seitens des Landesamtest für Denkmalpflege Baden-Württemberg herrschten große Bedenken gegen dieses Vorhaben. In Anbetracht der ständig wechselnden Gebietskonservatoren musste ständig von Neuen über das Gesamtkonzept, sowie auch über Details der Genehmigung diskutiert werden. Allein während der Genehmigungsphase wechselte die Verantwortliche im Landesamt fünfmal – jeweils mit eigenen Meinungen und gut gemeinten Ansprüchen an das Projekt.
Marvin: Gab es Probleme bei der Umsetzung?
Marcus Gebhardt: „Unser Kopf ist Rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“ und „Nur ein guter Plan kann sich ändern“! – Das sind zwei ständige Begleiter bei unseren Projekten.
Der wichtigste Werkstoff sollten die Zeit zum Überlegen sein. Das passt natürlich nicht zum regulierten Denken und schon gar nicht, wenn Denkmalschutzbehörden bei „Anträgen auf Erlangung eines Zuschusses“ von Planern den „tiefen Blick in die Kristall-Kugel“ verlangen.
Aus diesem Grund wurden mir gleich drei Zuschuss-Anträge vom Landesamt negativ bescheinigt. Ebenso von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der Denkmalstiftung Baden-Württemberg.
Es handelte sich um eine kalkulierte Fördersumme von ca. 230.000 € die letztendlich in der Bau-Kasse fehlen – ärgerlich! Da hilft leider auch kein Lob nach der gelungenen Sanierung vom Landesdenkmalamt.
Marvin: Wie reagieren ihre Kunden auf das neue Büro?
Marcus Gebhardt: Das Haus im heutigen Zustand sorg für große Aufmerksamkeit bei allen Bevölkerungs- und Altersgruppen. Das habe ich bis heute noch nicht erlebt. Viel, gerade auch Laien, erkenne die besondere Qualität des Gebäudes.
Verwirrung und Unverständnis gibt es selten und dann eher bei „Fachleuten mit konventionellen Bauhintergrund“.
Mit einigen erklärenden Worten kann hier schnell geholfen werden. Versteht man das Konzept, versteht man das Projekt. Ablehnung gibt es nie. Im schlimmsten Fall ist die Antwort nur ein verschmitztes, vielwissendes Schmunzeln.
Spätestens wenn der Arbeitstitel “Werkhaus“ erklärt wird fällt auch beim Letzten der Groschen.
Marvin: Würden Sie persönlich auch in einem in dieser Weise restaurierten Haus wohnen bzw. würden Sie ihren Kunden für den Wohnraum ein solches Vorgehen empfehlen?
Marcus Gebhardt: Nach der Erprobung der Sanierungsmethode sollte, nein muss dieser Weg für zukünftige Sanierungen Pate stehen. Aufgrund der Reversibilität und Nutzbarkeit des Gebäudes ist es sehr zu empfehlen. Die Zwischenzone zwischen thermischen Abschluss und der historischen Fassade ist eine architektonische Bereicherung und funktional sehr nutzbarer Raum. Er geht der Grundfläche nicht verloren, sondern ergänzt diese in sinnvoller Weise.
Auch bei zeitgenössischer Architektur wird diese Methode immer häufiger verwendet, weil sie zu freieren Gestaltungsmöglichkeiten der Fassaden führt.
Ich selbst wohne mit meiner Familie in einer „Kaffeemühle“ aus dem Jahr 1928 und wir fühlen uns dort sehr wohl – allerdings nach einer ebenfalls sehr aufwändigen Sanierung – eben einer anderen Art und Zeitstellung. Beides hat seinen Charm. Die Aachgasse 4 ist aber eher ein „Werkhaus“ und so arbeite ich gern dort und wohne gern woanders…
Vorteile der Personalunion
"Bei der Sanierung der Aachgasse 4 waren Bauherr, Architekt und späterer Nutzer eine Personalunion, ein Glücksfall. Was mir bei vielen Bauaufgaben, also nicht nur in der Denkmalpflege, aufgefallen ist, ist, dass bei vielen Projekten der Bauherr und somit auch die Aufgabenstellung nicht zum Gebäude passt. Es ist gerade zu Beginn der Projekte wichtig, die Motivation und den Charakter des Auftraggebers zu erkennen. Ein Begriff, den ich in diesen Zusammenhängen kennengelernt habe, ist die „Übernutzung“ eines Gebäudes. Das bedeute ein zu großes Raumprogramm und letztendlich zu hohe Erwartungen an ein bestehendes Gebäude zu erheben. Oftmals ist der Kauf eines historischen Gebäudes auch nur der Vorwand, eine günstige Immobilie zu erwerben, ohne das nötige Wissen über das Thema zu besitzen. Oftmals komme ich hier zu spät, um von einem Kauf abzuraten. Nicht weil das Gebäude nicht die richtige Qualität aufweist, sondern weil der Käufer nicht zum Gebäude passet.", so Marcus Gebhardt.
Das Architekturbüro Gebhardt
Das Architekturbüro Gebhardt wurde im Jahr 2002 in Blaubeuren gegründet. Das Leistungsspektrum reicht von Neubau über Denkmalschutz-Architektur, Kaufberatungen, Bebauungsplänen, Machbarkeitsstudien, Um-, An- und Ausbau, SiGeKo, Bauvoranfragen mit Klärungen bei den entsprechenden Behörden bis hin zur Außenanlagenplanung, Innenarchitektur und zum Möbelentwurf und Gutachten für Schäden an Gebäuden.
Das Architekturbüro Gebhardt ist als besonders qualifiziertes Büro in der Fachliste „Denkmalschutz“ der Architektenkammer BW eingetragen. Bereits im Jahr 2002 wurde das „Kleine Große Haus“ und 2009 das ehemalige Spital in Blaubeuren saniert. Beide erhielt 2014/2015 den Fachwerkpreis und eine Auszeichnung für die Sanierung. Aktuell gewann das Büro einen Wettbewerb für das denkmalgeschützte ehemalige Pfarrhaus mit Platzgestaltung in Seekirch.
Ressourcen richtig und effektiv einsetzen
Weiterhin möchte ich anmerken, dass in unserer heutigen Zeit zu viel Energie verbraucht wird, um eine „perfektes Ergebnis“ zu bekommen. Ich denke es muss beim Bauen wieder das richtige Maß gefunden werden um unsere Ressourcen richtig und effektiv einzusetzen. Hierbei helfen clevere und weitsichtige Ideen und die Reduzierung auf das Wesentliche. Materialien sollten wieder materialgerecht und wiederverwendbar eingesetzt werden. Diese Tradition früherer Generationen ist uns im Einerlei der „Alles ist möglich“ Zeit verloren gegangen.
Vielen Dank an dieser Stelle für die sehr gute Zusammenarbeit an Marcus Gebhardt. Wer mal in der Nähe ist, dem kann ich einen Besuch dieses Objekts nur empfehlen.
Weitere Informationen:
Bildquellen: Fotos von Marvin Fuchs/ Rekonstruktionszeichnung von Architekturbüro Gebhardt












Ich finds wirklich schade, dass das traditionelle Handwerk und die alten Techniken wahrscheinlich immer mehr und mehr verloren gehen und vergessen werden und die, die die Fahne noch hochhalten werden auch nicht ewig da sein können.
@Lio: Bestimmt, das ganze Thema Denkmalschutz/ Denkmalpflege ist einfach interessant und faszinierend. Gerade in Süddeutschland sind wir da auf einem sehr hohen Level!
Ich besuche im Rahmen der Techniker- Weiterbildung, diese Woche das Landesamt für Denkmalpflege in Tierhaupten . Wird bestimmt interessant !